Jakob Michael Reinhold Lenz' Die Soldaten (1776) entfaltet am Schicksal der bürgerlichen Marie Wesener eine schonungslose Analyse militärischer Standesprivilegien, sexueller Ökonomie und sozialer Verwundbarkeit. Zwischen Kaufmannshaus, Garnison und höfischer Sphäre zerfällt jede moralische Ordnung; Verführung, Ehrverlust und Verelendung erscheinen als systemische Folgen einer Gesellschaft, die Frauen zur Ware macht. In knappen, abrupt montierten Szenen, mit scharfen Dialogen und komischer Groteske, sprengt das Drama die Regelpoetik und gehört zu den kühnsten Zeugnissen des Sturm und Drang. Lenz, 1751 in Livland geboren und von pietistischer Erziehung, theologischer Bildung und unsteter Existenz geprägt, beobachtete in Straßburg und am Weimarer Rand die Spannungen zwischen Bürgertum, Adel und Militär aus nächster Nähe. Seine eigene Außenseiterstellung, sein Interesse an sozialer Reform und seine theoretische Abkehr vom klassizistischen Theater erklären die Dringlichkeit dieses Stücks: Es ist weniger moralische Anklage einzelner Verführer als Untersuchung institutioneller Gewalt. Die Soldaten empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die ein modernes Drama vor der Moderne entdecken wollen: unbequem, formal kühn und gesellschaftlich hellsichtig. Wer Büchner, naturalistische Sozialkritik oder Brechts analytisches Theater schätzt, findet hier einen frühen, erschütternden Ursprung.