Kindheit: Autobiographische Novelle eröffnet Lew Tolstois berühmte autobiographische Trilogie und zeichnet, unter dem Namen Nikolenka Irtenjew, die seelische Welt eines adligen russischen Kindes nach. Weniger äußere Handlung als Erinnerung, Wahrnehmung und moralisches Erwachen bestimmen den Text: Familienrituale, Erziehung, Standesbewusstsein, Zärtlichkeit und Verlust werden mit ungewöhnlicher psychologischer Genauigkeit erfasst. Stilistisch verbindet Tolstoi lyrische Empfindsamkeit mit der nüchternen Beobachtung des späteren Realisten; literarisch steht die Novelle am Übergang von romantischer Bekenntnisprosa zu jener großen russischen Erzählkunst, die das Innere des Menschen historisch und sozial lesbar macht. Tolstoi, 1828 auf Jasnaja Poljana geboren, kannte die Welt, die er beschreibt, aus eigener Erfahrung. Früh verwaist, im Milieu des Landadels erzogen und von religiösen wie moralischen Fragen bedrängt, suchte er bereits als junger Offizier im Kaukasus nach Formen der Selbsterkenntnis. Seine Tagebücher, seine Erinnerung an Familie und Gut sowie sein Misstrauen gegenüber gesellschaftlicher Konvention prägen diese frühe Prosa. Dieses Buch empfiehlt sich allen, die Tolstois spätere Meisterwerke verstehen möchten. Es zeigt den Ursprung seiner Kunst: die schonungslose Aufmerksamkeit für Gewissen, Gefühl und soziale Wirklichkeit.