Franz Werfels Verdi entfaltet als historischer Künstlerroman die venezianischen Tage Giuseppe Verdis im Schatten des sterbenden Richard Wagner. Im Zentrum stehen nicht Anekdote und Biographie, sondern die dramatische Prüfung eines alternden Komponisten: Schweigen, Selbstzweifel, der unerfüllte Lear-Plan und die Frage nach der moralischen Wahrheit der Musik. Werfels Stil verbindet psychologische Verdichtung, lyrische Prosa und szenische Opernhaftigkeit; im Kontext der mitteleuropäischen Moderne wird der Konflikt zwischen italienischer Melodie und deutscher Musikreligion zum Gleichnis kultureller Selbstbehauptung. Franz Werfel, 1890 in Prag geboren, gehörte zu jener deutschsprachigen jüdischen Generation, die zwischen Habsburger Erbe, Expressionismus und humanistischer Weltoffenheit schrieb. Seine Nähe zur Musik, zur Bühne und zu den großen geistigen Debatten nach dem Ersten Weltkrieg prägte diesen Roman. Werfel erkannte in Verdi nicht nur den Meister der Oper, sondern eine Gegenfigur zum ästhetischen Totalitätsanspruch Wagners: einen Künstler der Stimme, des Volkes und der irdischen Barmherzigkeit. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Literatur, Musikgeschichte und Ideengeschichte zusammen denken möchten. Verdi ist zugleich Künstlerporträt, Epochenroman und Meditation über schöpferische Würde im Alter.