Wie Saam und Baumann an diesem einen Haus die »kulturelle Blüte« einer ganzen Stadt auffalten, scheint den Kritiker zu begeistern: »Saam und Baumanns schönes Buch zeigt vor allem, dass ein einziges Haus wie dieses gereicht hätte, um einer ganzen Stadt eine dauerhafte kulturelle Blüte und die neue Gesellschaft zu geben, von der sein Architekt geträumt hat, und dass es sie für einen kurzen Moment sogar gegeben hatte. «
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Niklas Maak
Die Geschichte eines solchen kultivierten Hauses zu schreiben, in der zudem erzählt wird, wie jene Lebensweise auch früher schon gefährdet war, nämlich dann, wenn sich Teile der Elite mit dem Mob verbündeten und Teile des Bürgertums, besonders solche jüdischer Herkunft, der Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt wurden, ist heutzutage, wo wieder die Reste bürgerlichen Anstands zu zerbröseln drohen, besonders interessant und wichtig. Auch das Haus Nummer 6 in der Berliner Mommsenstraße kann nicht selbst erzählen, es kann bestenfalls bei Menschen, die es anschauen, betreten oder darin wohnen, wie die Autoren des vorliegenden Buches, Fragen aufwerfen, wie es sich hier mit wem wohl einmal gelebt haben könnte, welche Schicksale sich hier zutrugen. Diesen Fragen nachgegangen zu sein und sie aus heutiger Sicht bestmöglich beantwortet zu haben ist das große Verdienst dieser Hausgeschichte, von berufsmäßigen Kulturhistorikern geschrieben, die ihr Handwerk verstehen. Das Autorenpaar setzt einen gewinnenden literarischen Trick ein und lässt den Leser zusammen mit den ersten und späteren Bewohnern jeweils in das Haus einziehen, um die jeweils als neu erfahrene Wohnsituation und Lage in den einzelnen, sehr verschieden gebauten Wohnungen zu beschreiben und zu charakterisieren, um dann die Taten, die Werke und Betätigungen der eingezogenen Leute zu schildern. Unter ihnen gab es viele Theaterleute, Kritiker, Künstler und hohe Beamte, nach 1933 auch hochrangige Verbrecher des Nazireiches. Uns interessieren hier die Musiker. Albert Gessners Mommsenschlösschen , mit seiner verwinkelten inneren Architektur, seiner idyllischen naturnahen Bebauung, so wie es Baumann und Saam mit all seinen kontrast- und spannungsreichen historischen Verwicklungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in diesem reich bebilderten, chronologisch erzählten Bericht vorgestellt haben, steht für etwas anderes: für das Gefährdetsein und die Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, denn das Beklemmendste an diesen Schilderungen ist der schleichende Übergang, das langsame aber zähe Einsickern antihumaner Gesinnungen mitten hinein in eine scheinbar gesicherte kunst- und kulturaffine, gewaltfreie Existenz.
info-netz-musik Peter Sühring