Die ersten Lebensjahre von Raisa sind die Wanderjahre, in denen ihre Mutter und sie ständig umziehen. Im Haus lauern einfach zu viele Erinnerungen, ein Koffer hingegen ist leicht. Jede Frau der Familie hatte einen gepackten Koffer unter dem Bett. Die Männer hingegen verschwinden seit den Zeiten der Urgroßmutter Dina. Sie sterben, bleiben zurück, oder es heißt, es gäbe keinen Vater. Wie bei Raisa.
Mit Fotos, die im Keller auftauchen, werden die Fragen nach der Familie immer lauter, aber Raisa erhält keine Antwort. Als ihr bester Freund Mat verschwindet, beginnt ihre Mutter Martha, ihr Briefe zu schreiben. Es ist der einzige Weg, dem Unbenennbaren Worte zu geben.
Portrait meiner Mutter mit Geistern verknüpft jahrzehntelange Zeitgeschichte mit persönlicher Familiengeschichte. Unter den Beziehungen der Mütter und Töchter liegt der Schmerz, das Schweigen, der Schrecken, die Angst. Im Schweigen der Nachkriegszeit lauern die Traumata, springen auf den Rücken des Angsttiers, das von Generation zu Generation weitergereicht wird.
Scheinbar mühelos verwebt Rabea Edel Zeiten, Figuren, Erinnerungen, Erzählung, Briefe, Orte. Sie sammelt die Fragmente, die Skizzen, manchmal in schmerzhaft greifbaren Szenen, manchmal flüchtig, schemenhaft, und schreibt selbst die schönsten, bildreichsten, dichtesten Sätze. Die Bilder für das Schweigen werden groß und mächtig, fordern die Resilienz.
Für Raisa wird die Sprache ein Zuhause, zeigt die Verbindungen, benennt die Traumata. Die Frage nach Heimat schwingt mit, Verlust, Wut, Angst und Rastlosigkeit. Immer wieder erklingt ein jüdischer Subtext, ohne die Hoheit über die Geschichte einzufordern.
Rabea Edel erkundet eindrucksvoll, wie wir werden, wer wir sind, zeigt, wie das Große im Kleinen wirkt und findet Worte, die so schön sind, dass ihnen ein Denkmal gebührt. Die Leichtigkeit, mit der sie über das Schwere schreibt, nimmt dem Kummer den Schrecken, ermöglicht die Auflösung.
Die Geister kommen mit, dürfen bleiben, dürfen sich verdichten. Portrait meiner Mutter mit Geistern ist anspruchsvoll, demütig, mutig und herausragend. Es setzt dem Schweigen eines Zeitalters die Resilienz, die Liebe und den festen Glauben daran entgegen, dass der Mensch alles leisten kann.
Rabea Edel transferiert durchgehend den Inhalt in die Form. Mit klugen Worten und großen Bildern setzt sie den Frauen ein Denkmal, schafft eine Annäherung an das Unsagbare durch Sprache. Nur den ganz Großen gelingt es, das Hochkomplexe mühelos aussehen zu lassen, und Rabea Edel vollendet diese Kunst.