Deadly Ever After Blut und Schnee des Autoren-Duos T.S. Orgel ist, wenn man so will, eine Tour de Force durchs Märchenreich. Nun ist so etwas ja an sich nichts grundsätzliches Neues. Der Buchmarkt oder man sollte gleich sagen: die Medien kennen zahlreiche solcher Adaptionen. Von Arielle über Schneewittchen bis zum bösen Wolf war und ist in Büchern und Filmen so ungefähr jede Gestalt mindestens einmal vertreten. Es ist auch nicht neu, Schicksale weiterzudenken. Sie lebten glücklich bis an ihr seliges Ende (Happy Ever After) wäre zwar wirklich schön. Jedem zu wünschen, Märchengestalten oder Menschen es reicht aber nicht.
Nicht für Autoren, nicht für ihr Publikum. Seien wir ehrlich, wer will von Menschen lesen, in deren Leben immer alles glatt geht. Hans im Glück ist langweilig. Diese Märchenfigur ist auch ein ziemlicher Idiot. Und vollkommen unglaubwürdig. Wäre ich seine Mutter gewesen, zu der er bettelarm, aber strahlender, allerbester Laune zurückkehrt, ich hätte ihm gewaltig den Marsch geblasen. Einen Goldklumpen quasi wegwerfen, jedes neue Tauschobjekt gegen ein materiell minderwertigeres einwechseln. Lieber Gott des Kapitalismus, wie musst du weinen!
Obwohl mir natürlich vollkommen klar ist: Mit einem Goldklumpen fangen die Probleme in Wirklichkeit erst so richtig an.
Gold ist eine Metapher für Macht. Und Macht korrumpiert. Wer Macht hat, will sie behalten. Umgekehrt werden Mächtige von denen bewundert, die selbst wenig bis keine Macht haben. Sie müssen ja alles richtig gemacht haben, sonst wären sie nicht an der Macht. Und wenn man ihnen folgt, kommt man vielleicht selbst wenigstens ein bisschen an Macht.
Damit kommen wir zum Punkt, der Deadly Ever After Blut und Schnee lesenswert macht: Man kann die neueste Veröffentlichung von T.S. Orgel als Studie in Faschismus lesen. Die Machenschaften der bösen Königin und wie sich die sogenannten Guten im Roman mal mehr, aber häufig wenig bis gar nicht erfolgreich gegen sie schlagen, liest man angesichts der augenblicklichen weltpolitischen Lage durchaus mit einem bitteren Nachgeschmack.
Denn keine einzige der Märchenfiguren ist unbeschädigt, die sich im Roman ein Stelldichein geben. T.S. Orgel gelingt es, jede einzelne auftretende von ihnen quasi als ihr Gegenteil zu besetzen. Die Moral dieser Geschichte ist vielleicht, dass es kein wirklich absolut moralisch einwandfreies Verhalten gibt. Alles hängt von den Umständen ab. Man sollte allerdings seine Brüder Grimm, Bechstein oder Andersen gelesen haben, wiederlesen oder sogar erstmals lesen. Das Wiedererkennen der Romangestalten vergrößert das Lesevergnügen.