Worum gehts?
1996: In Småland wird eine Frau brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt. Der Täter hinterlässt ein verstörendes Zeichen: Er beißt ihr ein Stück Haut aus dem Hals. Und sie bleibt nicht die einzige. Wer steckt hinter den Verbrechen in dem kleinen Ort, in dem jeder jeden kennt? Sanna, die eigentlich nach Gotland ziehen wollte, kann nicht eher ruhen, als bis die Wahrheit ans Licht kommt.
Meine Meinung:
Maria Grund schreibt anders. Ihre Thriller verlangen am Anfang ein kurzes Einfinden, fast so, als würde man langsam in kaltes Wasser steigen. Doch sobald man drin ist, entfalten sie eine Sogwirkung, die einen nicht mehr loslässt. Genau so erging es mir auch mit Krakenkind, dem vierten Band der Berling-und-Petersen-Reihe, der diesmal auch wieder ganz im Zeichen von Sanna steht.
Während wir im vorherigen Band eine frischgebackene Polizistin kennengelernt haben, sind wir nun zehn Jahre weiter. Sanna hat sich inzwischen einen Namen gemacht, mehrere gescheiterte Beziehungen hinter sich und träumt davon, gemeinsam mit Patrik auf Gotland neu anzufangen. Sie ist kein glatter Charakter, sondern kantig, eigen und manchmal schwer zu greifen genau das macht sie so faszinierend. In diesem Band rückt zudem Staatsanwältin Borghild stärker in den Fokus. Ihre Rolle und ihr Einfluss auf Sannas persönlichen und beruflichen Weg sowie die Freundschaft der Frauen sind wirklich spannend.
Der Fall selbst fühlt sich weniger nach klassischem Hochgeschwindigkeits-Thriller an vielleicht auch, weil wir uns drei Jahrzehnte in der Vergangenheit bewegen. Statt moderner Technik stehen Intuition, Gespräche und mühsame Recherche im Mittelpunkt. Gleichzeitig verwebt Maria Grund schwere Themen in ihre Geschichte: Migration und die damit verbundenen Ängste und Vorurteile, die Unterdrückung von Frauen und Femizid sowie der Handel mit pornografischem Material damals noch in Form von Fotos und Heften, gewissermaßen die Vorläufer dessen, was heute im Dark Web kursiert. Diese Themen mögen 30 Jahre alt sein, wirken aber erschreckend aktuell. Zwischen ihnen begleiten wir Sanna durch ihre Ermittlungen Schritt für Schritt, ohne digitale Abkürzungen, dafür mit einem stetigen Kribbeln unter der Haut.
Im Vergleich zu den anderen Büchern der Autorin geht es hier tatsächlich etwas ruhiger zu. Trotzdem hat mich die Geschichte wieder gepackt. Die Auflösung kam für mich überraschend und gleichzeitig zeigte sich einmal mehr, wie trügerisch Fakten sein können und wie oft das Bauchgefühl recht behält. Neben dem düsteren Fall geht es auch um Freundschaft, Vertrauen, Familie und die Möglichkeit eines Neuanfangs. Und jetzt? Jetzt bleibt vor allem die große Frage: Wie geht es weiter? Bleiben wir noch eine Weile in Sannas Vergangenheit? Begleiten wir ihren möglichen Neuanfang auf Gotland? Oder kehren wir wieder stärker zu Eir zurück, die ich in diesem Band wieder vermisst habe?
Fazit:
Mit Krakenkind erzählt Maria Grund erneut ein Stück von Sannas Vergangenheit. Der Thriller lebt weniger von rasender Action als von Atmosphäre, Figuren und den schweren Themen, die erschreckend nah an unserer Realität liegen. Auch wenn die Geschichte stellenweise etwas gemächlicher verläuft und ich Eir auch diesmal wieder vermisst habe, entwickelt der Roman eine starke, düstere Sogwirkung. Die überraschende Auflösung und die vielschichtigen Charaktere machen das Buch dennoch zu einem packenden Leseerlebnis.
4 atmosphärische Sterne von mir!