Das Bürgertum ergiesst sich im fin-de-siècle. Die so genannten Künstler stecken fest im Überdruss, zwischen überholten Traditionen und dem erspähen eines neuen Zeitalters. Die Frösche der Jugend wirkt seltsam festgefahren in der Larmoyanz, dem selbstauferlegtem Leiden und dem Hauch des Untergangs am Ende des 19. Jahrhunderts.
Die männlich dominierte (Künstler-) Gesellschaft hält fest an ihrer Rollenverteilung.
Doch ob in den Kreisen der Bohème, der bürgerlichen oder jeder anderen Familie, in Halbtier ist die Frau degradiert zur Bediensteten, Wirtschafterin, dient dem Manne und steht ihm rund um die Uhr für jegliche Sinneswandlungen zur Verfügung. Sie wird herumkommandiert, verlacht, als dumm bezeichnet.
Zeigt sie sich in seltenen Fällen schön, emanzipiert und selbstbestimmt, so wird sie als Halbtier zur Schau gestellt.
Das Bild, das Helene Böhlau von Frauen in jedweden ihnen zugedachten Schubladen zeichnet, ist niederschmetternd. Auch Kinder dienen als Spiegel oder Instrument für Lebensinhalt oder die Fortsetzung männlicher Dominanz. Dass Frauen frei sein können, frei im Geiste und in ihren Entscheidungen, kommt in der patriarchal geprägten Welt, in der sich die Kreise um die Protagonistin Isolde bewegen, nicht vor.
Wie kann die Gegenwehr der Frau gegen die ihr zugedachten Rollen aussehen? Wie wird Selbstbestimmung möglich?
Extrem, rabiat und laut fordert Helene Böhlau das Recht der Frau ein, als gleichberechtigter Teil der geistigen kulturschaffenden Szene anerkannt zu werden.
Halbtier ist harter Stoff. Pointiert, spielerisch, intelligent beobachtend aber auch schwer zu ertragen. Dieser Roman ist eine laute Forderung mit sprachlicher Wucht. Ich bin zutiefst fasziniert von der Radikalität der Darstellung und den verschiedenen Interpretationsebenen, die der Text anbietet. Er rüttelt auf, verstört und zeigt eine weibliche Sicht auf einen fast romantisch verklärten Zeitabschnitt.
Der Roman schreit nach Selbstbestimmung und Befreiung, nach einer neuen Gesellschaftsordnung und Egoismus im besten Sinne des Wortes. Mit einem Nachwort von Helene Falk erschien der Roman 126 Jahre nach Ersterscheinung neu im Reclam Verlag.