Wenn ein Kochbuch nicht nur Rezepte, sondern auch Geschichten erzählt, dann bekommt es eine ganz besondere Tiefe. Sächsisches Allerlei Kulinarische Entdeckungen von der Oberlausitz bis ins Erzgebirge von Kristina vom Dorf und Jörg Färber gehört für mich genau in diese Kategorie. Es schlägt eine Brücke zwischen Küchenklassikern, regionaler Kultur und persönlichen Erinnerungen, die auch bei mir sofort lebendig wurden. Meine Oma stammte aus dem Erzgebirge, ich selbst komme aus Sachsen-Anhalt und lebe inzwischen in Baden-Württemberg ein kunterbunter Küchenmix also, in dem die sächsische Küche immer ihren Platz hatte.
Das Buch will bewusst mehr sein als eine reine Rezeptesammlung. Neben kulinarischen Klassikern kommen auch bekannte Persönlichkeiten aus Sachsen zu Wort, etwa Stefanie Hertel oder die Autorin Sabine Ebert. Dadurch entsteht ein lebendiges Bild, das über den Tellerrand hinausführt. Man erfährt nicht nur, wie Gerichte zubereitet werden, sondern auch, welche Geschichten, Traditionen und Erinnerungen damit verbunden sind.
Viele Rezepte weckten bei mir Kindheitserinnerungen. Tote Oma etwa damals schmeckte mir die Blutwurst, weil ich noch gar nicht wusste, was es war. Heute ist es nichts mehr für mich, aber interessant ist, dass das Buch eine Variante mit Grützwurst und Leberwurst anbietet. Überhaupt gefällt mir, dass die Autoren häufig moderne Abwandlungen präsentieren, die altbekannten Gerichten neuen Pfiff verleihen. Ein Beispiel sind die Streuselkuchen-Cupcakes mit Puddingfüllung eine charmante Weiterentwicklung des klassischen Kuchens. Für mich persönlich spannender als Tote Oma sind Rezepte wie diese, die Tradition und Moderne miteinander verbinden.
Auch Hauptgerichte wie Dicke Nudeln mit Wurstgulasch oder Desserts wie Quarkkäulchen sind für mich Highlights. Letztere sind fest mit meiner Familie verbunden, weil es sie bei uns immer dann gab, wenn Kartoffelbrei vom Vortag übrig war. Eine kleine Resteverwertung, die zur Delikatesse wurde und genau solche Rezepte geben dem Buch eine sehr persönliche Note.
Besonders gelungen finde ich die kleinen Reportagen, die zwischen den Rezepten eingeschoben sind. Sie erklären Hintergründe, wie bei der Eierschecke, die offenbar tatsächlich nur in Ostdeutschland bekannt ist. Auch das Kapitel zum Erzgebirge mit dem traditionellen Weihnachtsgericht Neinerlei hat mir gefallen. Hier zeigen die Autoren eine moderne Variante, die schneller auf dem Tisch steht, ohne die Tradition aus den Augen zu verlieren. Ebenso originell: der Winterapfelstollen aus dem Glas perfekt als Mitbringsel in der Adventszeit. Wenn dann noch vom Weihnachtswunderland Sachsen erzählt wird, steigt bei mir sofort die Lust, die Region wieder einmal zu bereisen.
Die Bandbreite an Rezepten ist groß, weil die kulinarische Vielfalt Sachsens von Region zu Region unterschiedlich ist. Ob Leipzig, Dresdner Elbland, Oberlausitz, Chemnitz-Zwickau, Sächsische Schweiz, Erzgebirge oder Vogtland jede Gegend hat ihre eigenen Spezialitäten, die hier modern interpretiert präsentiert werden. Dadurch ist das Buch gleichermaßen für alteingesessene Sachsen spannend wie auch für Zugezogene oder Neugierige, die sich ein Stück sächsischer Heimat in die Küche holen möchten.
Die Rezepte sind im Buch nach klaren Rubriken gegliedert, was die Orientierung angenehm einfach macht:
Vorspeisen
Suppen und Eintöpfe
Hauptgerichte
Desserts
Am Ende bleibt für mich der Eindruck eines Kochbuchs, das weit mehr ist als eine Sammlung von Gerichten. Es ist eine kulinarische Reise durch Sachsen, die Erinnerungen wachruft, Traditionen bewahrt und dabei offen für Neues bleibt. Wer neugierig auf regionale Küche ist und gleichzeitig Geschichten aus dem Land kennenlernen möchte, wird hier fündig.