Die Autorin schildert auf 160 Seiten eigentlich nur die Geschichte der vier Städte, die heute Prag bilden. Diese Geschichte wurde nicht nur von den Tschechen geprägt, sondern auch maßgeblich von der jüdischen Bevölkerung beeinflusst. Darüber hinaus stehen Willkür und Herrschaft von Königen und Kaisern im Mittelpunkt von Sternthals Ausführungen, und im 20. Jahrhundert werden die Greueltaten des nationalsozialistischen Regimes thematisiert an einer besonders grausamen Stelle habe ich das Lesen unterbrochen (beim Servieren des Kopfes der Mutter eines Mitwissers eines Attentats).
Das jüdische Prag, eine der größten jüdischen Gemeinden Mitteleuropas, wird im Kapitel Vom Ghetto bis zur Josefsstadt und darüber hinaus auf rund 30 Seiten ausführlich beleuchtet. Unter anderem sind das Recht von außen und das Recht von innen sowie die Tosaphisten, Sprachverordnung und Normalschule Themen in diesem Abschnitt. Dem Leben von Franz Kafka widmet Sternthal ein eigenes, sehr interessantes Kapitel. Es wird empfohlen, für die Besichtigung sämtlicher Wohnorte, Museen und Kaffeehäuser, die eine bedeutende Rolle im Leben Kafkas gespielt haben, einen ganzen Tag einzuplanen.
Im Abschnitt Prager Heldinnen & Helden. Im Widerstand gegen Macht und Unrecht ab Seite 113 (bis fast zum Ende des Buches) wurde das Lesen für mich zunehmend bedrückender. Es entsteht der Eindruck, dass das tschechische Volk und die jüdische Bevölkerung Prags über weite Strecken ihrer Geschichte nur gelitten haben.
Die einzelnen Kapitel bieten auch spannende Einblicke in Gebäude wie das Altstädter Rathaus, berichten von mehreren Fensterstürzen (nicht nur dem aus dem Geschichtsunterricht bekannten), erläutern die Landtafeln (Ständetafeln), stellen Meisterfälscher, Institutionen und Verfassungen sowie viele weitere rechtliche und bauliche Aspekte vor. Die Geschichte des heiligen Nepomuks sowie von Jan Hus und der Hussitenkriege wird anschaulich vermittelt.
Das Personenregister umfasst fast fünf Seiten in zweispaltigem Layout ein Hinweis auf den sehr geschichtlichen Charakter des Buches. Zwar sind aktuelle Lokalitäten, Gebäude und Straßen mit einem roten Handpfeil als Sehenswürdigkeiten gekennzeichnet, jedoch fehlt ein Übersichtsplan. Angesichts der Fülle an geschichtlichen Informationen tritt der Guide-Charakter des Titels für mich in den Hintergrund. Das Buch ist hervorragend recherchiert, aber als Stadtführer würde ich es nicht bezeichnen.