Nicolas Notovitchs "Das unbekannte Leben Jesu Christi" entfaltet die These, Jesus habe die in den kanonischen Evangelien ausgesparten Jahre in Indien, Nepal und Tibet verbracht. Gestützt auf angeblich im Kloster Hemis überlieferte buddhistische Handschriften, verbindet das Werk Reisebericht, religiöse Spekulation und apokryphe Biographie. Sein Stil ist dokumentarisch behauptend, zugleich von der orientalistischen Imagination des späten 19. Jahrhunderts geprägt, in der europäische Bibelkritik, Theosophie und vergleichende Religionsgeschichte neue Deutungsräume eröffneten. Notovitch, ein russischer Journalist und Reisender, bewegte sich in den Grenzräumen des Zarenreichs, Zentralasiens und Britisch-Indiens. Seine Erfahrungen als Korrespondent, seine Begegnungen mit asiatischen Kulturen und das zeitgenössische Interesse an den "verlorenen Jahren" Jesu bilden den Hintergrund dieses Buches. Ob Notovitchs Quellen authentisch waren, wurde früh bestritten; gerade diese umstrittene Herkunft macht den Text jedoch zu einem aufschlussreichen Zeugnis moderner Religionsphantasie. Empfohlen sei dieses Buch Lesern, die nicht nur nach historischer Gewissheit suchen, sondern die Entstehung alternativer Jesusbilder verstehen wollen. Es fordert kritische Lektüre, belohnt sie aber mit Einblicken in die Schnittstelle von Glauben, Wissenschaft, Kolonialwissen und literarischer Konstruktion.