Die Abtei von Northanger begleitet die junge, romanbegeisterte Catherine Morland von der provinziellen Kindheit in die gesellschaftlichen Rituale Baths und schließlich in das rätselhaft imaginierte Haus der Tilneys. Austen verbindet Bildungsroman, Gesellschaftskomödie und Parodie des Schauerromans: Mit feiner Ironie entlarvt sie die Verführungskraft literarischer Konventionen, ohne die produktive Macht der Einbildungskraft zu verwerfen. Im Kontext der englischen Literatur um 1800 ist der Roman zugleich Antwort auf die Gothic Mode und frühe Reflexion über weibliches Lesen. Jane Austen, 1775 in Steventon geboren, kannte die Codes der gentry, die Ökonomie der Heirat und die Begrenzungen weiblicher Selbstbestimmung aus genauer Beobachtung. Ihre Jugendlektüren, ihre satirischen Frühschriften und ihre Erfahrung in Bath prägten dieses Werk, das bereits früh entstand, aber erst postum 1817 erschien. Gerade deshalb zeigt es eine Autorin, die ihre Mittel der indirekten Kritik und moralischen Präzision sichtbar erprobt. Empfohlen sei dieses Buch allen, die Austen nicht nur als Meisterin romantischer Verwicklungen, sondern als scharfsinnige Theoretikerin des Lesens entdecken möchten. Die Abtei von Northanger ist kurzweilig, elegant und erstaunlich modern: ein Roman über Täuschung, Urteilskraft und die Kunst, Fantasie in Erkenntnis zu verwandeln.