Fanny Kellys "Meine Gefangenschaft bei den Sioux" gehört zur nordamerikanischen Tradition der Gefangenschaftserzählung und verbindet autobiographisches Zeugnis, Reisebericht und Grenzlandliteratur. Im Mittelpunkt steht Kellys Entführung während eines Angriffs auf einen Auswandererzug im Jahr 1864 und ihr monatelanges Leben unter Sioux-Gruppen. Der nüchterne, oft spannungsvolle Stil offenbart zugleich viktorianische Moralvorstellungen und die kolonialen Deutungsmuster des 19. Jahrhunderts. Die Autorin, Fanny Wiggins Kelly, war eine Siedlerin, deren Weg nach Westen von Gewalt, Verlust und Unsicherheit geprägt wurde. Ihre Erfahrung der Gefangenschaft, die Trennung von Angehörigen und die spätere Rückkehr in die weiße Gesellschaft gaben ihr Anlass, das Erlebte öffentlich zu ordnen. Ihr Bericht ist daher nicht nur persönliches Trauma-Protokoll, sondern auch Versuch, weibliche Autorität in einer männlich dominierten Frontier-Geschichte zu behaupten. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die historische Selbstzeugnisse kritisch verstehen möchten. Es bietet Einblick in Migration, Geschlechterrollen, indigene Begegnungen und die Rhetorik amerikanischer Expansion. Gerade weil Kellys Perspektive zeitgebunden und parteiisch ist, bleibt ihr Werk eine wertvolle Quelle für Literatur-, Kultur- und Geschichtswissenschaft.