Dorn. Ruf der Toten: Zimmer 203. startet stark. Ich lerne den angesehenen Chirurgen Doktor Michael Bergmann während seiner Schicht im Krankenhaus kennen und begleite ihn bis in seinem Feierabend. Doch er wird nicht zu Hause bei seiner Familie ankommen und genau dieses Warum weckt sofort meine Neugierde.
Die Handlung spielt rund fünf Monate nach den Ereignissen von Dorn. Hotel der Angst: Zimmer 103. Theoretisch ist der zweite Teil unabhängig lesbar, da alle relevanten Informationen erneut einfließen und die vielschichtige Geschichte auch ohne Vorkenntnisse verständlich bleibt. Dennoch empfehle ich, Band eins vorher zu lesen, um die Beziehung zwischen Simon Dorn und Lea Wagner besser einordnen zu können.
Der Thriller beeindruckt durch viele fein miteinander verzahnte Handlungsstränge und verschiedene Perspektiven. Die personale Erzählweise ist konsequent an die einzelnen Charaktere gebunden, die Perspektivwechsel sind klar gekennzeichnet und chronologisch sortiert. Interessant finde ich, dass ich nie mehr weiß als die Figur, die ich gerade begleite. Dadurch entsteht ein packender Gesamtüberblick und ich kann manche Zusammenhänge schneller erfassen als die Ermittler selbst. Jan Beck versteht es zudem, schlüssige Brücken zwischen den einzelnen Fäden zu bauen. Das gesamte Handlungskonstrukt wirkt wie ein Spinnennetz. Alles ist miteinander verbunden und nach und nach erkenne ich wie.
Durch die kurzen Kapitel und die raschen Perspektivwechsel entsteht zusätzliche Spannung. Später kommt zum großen Gegenwartsstrang noch eine Vergangenheitsebene hinzu, die weitere Puzzlestücke offenbart und das Gesamtbild zunehmend komplexer macht. Besonders gelungen finde ich, wie stark Beck mit den Themen Wahrheit und Konstruktion spielt und die KIThematik einbindet. Die Auseinandersetzung mit modernen technologischen Entwicklungen verleiht dem Thriller eine zeitgenössische Schärfe und setzt sich mit der Angst vor dem Fortschreiten der Technologie auseinander.
Das Tempo ist hoch. Dank der klaren und beinahe schnörkellosen Sätze fliege ich förmlich durch den Thriller. Atmosphärische und präzise Beschreibungen sorgen dafür, dass die psychologische Tiefe gut zur Geltung kommt, ohne überladen zu wirken. Das ist angesichts der Vielzahl an Charakteren und Perspektiven besonders angenehm. Ich behalte trotz der vielen starken Plotlinien den Überblick.
Dorn. Ruf der Toten: Zimmer 203. ist für mich vor allem Simon Dorn und das Hotel Dornwald. Beide wirken noch düsterer und heruntergekommener als im ersten Band, was ihre enge Verbindung fast schmerzhaft greifbar macht. Immer wieder blitzt Dorns analytische Brillanz hervor, was ein faszinierender Kontrast zu seinem eigenbrötlerischen Leben darstellt. Davon habe ich mir beim Lesen noch mehr gewünscht. Eine kleine Auflockerung in dieser Tristesse ist Buddy, der weiße Schäferhund, den ich schon im ersten Band fest ins Herz geschlossen hatte.
Lea Wagner ist ebenso kein makelloser Charakter. Sie ist kompetent und diszipliniert, aber auch chaotisch und mit einem Dickkopf gesegnet. Die Suche nach der Wahrheit ist ihr wichtiger als Regeln und Vorschriften. In diesem Band lerne ich zudem ihre Familie kennen, was eine Menge moralischer Konflikte bereithält.
Michael Bergmann zu begleiten fällt mir dagegen nicht immer leicht. Er ist zwar ein Opfer und was ihm widerfährt, ist eine grausame Form von Folter, aber manchmal kratzt sein Verhalten an meinen Nerven. Andererseits zeigt es die Ausweglosigkeit seiner Situation und macht seinen psychischen Zerfall glaubwürdig.
Leas Bruder Karl bleibt für mich etwas blass. Er dient vor allem als Türöffner, um Leas Präsenz im Dornwald zu begründen und einen zusätzlichen Nebenstrang zu etablieren. Dieser ist zwar spannend, trägt aber wenig zur eigentlichen Fallentwicklung bei und wirkt eher wie ein familiäres Nebengeräusch.
Auch die Investigativjournalistin Tamara Weigert könnte für meinen Geschmack mehr Einblicke in ihre Arbeit verdienen. Sie scheint eher eine Figur zu sein, die Entwicklungen in die richtige Richtung lenkt, als dass sie selbst wirklich Tiefe erhält.
Das Finale wirkt für mich dagegen erstaunlich hastig. Einige zentrale Fäden werden in der Auflösung angerissen, obwohl sie großes Potenzial für mehr Tiefe haben. Die alten Spuren aus Dorns Vergangenheit bilden weiterhin einen wichtigen Rahmen für diese Serie und heizen die Neugierde auf den nächsten Band an, zumal Jan Beck hier geschickt einen Cliffhanger setzt. Doch gerade der aktuelle Fall wird im Finale für meinen Geschmack zu schnell abgehandelt. Bestimmte Entwicklungen und Konsequenzen bleiben eher skizziert als wirklich ausgearbeitet.
Fazit:
Dorn. Ruf der Toten: Zimmer 203. ist ein atmosphärisch dichter Thriller, der mit technologischem Fortschritt und den daraus resultierenden Gefahren spielt und dabei mit Spannung unter die Haut geht.