Der lachende Mann (1869) entfaltet im England um 1700 die Geschichte Gwynplaines, eines als Kind verstümmelten Findlings, dessen ewiges Grinsen zur Maske sozialer Gewalt wird. An der Seite des wandernden Philosophen Ursus und der blinden Dea durchquert er Jahrmärkte, Armenquartiere und Parlamente. Hugos Prosa verbindet melodramatische Spannung mit essayistischer Reflexion, groteske Bildkraft mit dem Pathos des Erhabenen; der historische Roman wird zur Anatomie von Klassenherrschaft, Körperpolitik und moralischer Blindheit. Victor Hugo schrieb den Roman im Exil auf Guernsey, nachdem er unter Napoleon III. zum Symbol republikanischer Opposition geworden war. Erfahrungen mit Zensur, Verbannung und politischer Willkür schärften seinen Blick für Entrechtete und Ausgestoßene. Nach den Gesellschaftspanoramen von Notre-Dame de Paris und Les Misérables sucht Hugo hier eine düsterere Allegorie: Die deformierte Physiognomie des Helden spiegelt eine deformierte Ordnung, in der Adel und Spektakel menschliches Leid verwerten. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die historische Fiktion nicht als bloße Kulisse, sondern als Erkenntnisform begreifen. Der lachende Mann verlangt Aufmerksamkeit für seine rhetorische Fülle und philosophischen Exkurse, belohnt sie jedoch mit einer außergewöhnlichen Verbindung von politischer Analyse, tragischer Liebesgeschichte und visionärer Symbolik. Wer Hugo als moralischen Romancier der Moderne verstehen will, findet hier eines seiner kühnsten und beunruhigendsten Werke.