Der Klappentext von Halbwach verspricht heiße One-Night-Stands in einer flirrenden Großstadt, durchwachte Nächte zwischen Cocktails und vermeintlich kreativem Autorinnen-Dasein. Doch leider haben sich weder meine Erwartungen an aufreizende Szenen noch die psychologische Tiefe voll erfüllt.
In jedem Fall trifft Sophia Como einen Nerv der aktuellen Generation unabhängiger Frauen zwischen 20-40, die lieber Karriere machen und auf Kind, Haus und Hof verzichten. Die Hauptfigur Zoe ist Bestsellerautorin und lebt in Frankfurt ein sehr freies Leben, ohne Verpflichtung und Gefühl. Dabei wird sie meist von ihren drei besten Freunden begleitet. Doch mit jeder Bar- und Tanzszene und Bettgeschichte, die sich daran anschließt, merkt man als Leserin, dass Zoe eigentlich etwas anderes bräuchte, es sich aber nicht eingestehen kann.
Dann taucht Mael auf, ein attraktiver Banker, der oft zu lange arbeitet und sich zur Entspannung auf eine Affäre mit Zoe einlässt. Oder besser sie auf ihn. Aus einer gemeinsamen Nacht werden schnell weitere, doch beide wollen nichts Festes. Oder?
Die Autorin spielt mit der Begierde und den Banden einer Beziehung. Wer braucht schon Gefühle? Zoe rennt vor ihnen weg. Mit der Zeit erfährt man auch weshalb. Mir hätte es gut gefallen, hier noch weiter in die Tiefe zu gehen und in der Aufklärung zum Ende hin, die Bindungsängste Zoes und wie sie sie überwinden kann, näher zu beleuchten.
Gut gefallen hat mir die Darstellung der kriselnden Freundschaften und der Beziehung zu ihrer Schwester, wenn sich diese jeweils unterschiedlich entwickeln mit verschiedenen Prioritäten für Liebe, Treue und Familie.
Auf der anderen Seite hatte ich erwartet, dass der angekündigte "unverbindliche, heiße Sex" auch beschrieben wird. Doch ein erotisches Buch ist es wirklich kaum. Das Spice-Level würde ich als 2/10 einschätzen. Für wen das akzeptabel ist, der hat mit Sicherheit ein gutes Buch in der Hand, in dem sich eine junge Frau mit der Zeit aus den Folgen elterlicher Fehler herauskämpft und ihren eigenen Weg und ihre eigene Art von Beziehungskonstellation erarbeitet und die eigenen Ziele und Wertvorstellungen, auch im Arbeitsleben erkennt und verfolgt.
Leider war es nicht so leicht ohne Spoiler diese Bewertung abzugeben, ich hoffe es wurde nicht zu viel verraten. Insgesamt ein nettes Buch für Zwischendurch, vielleicht, wenn man gerade auch nicht so recht weiß, wohin sich die eigene Beziehung entwickeln soll oder man damit kämpft, für die eigenen Vorstellungen einzustehen.