Von -abby-
"Das White Octopus Hotel" zieht einen gleich zu Beginn in den Bann. Wir lernen Eve kennen. Sie ist eine zurückgezogene junge Frau, welche von einem Kindheitstrauma verfolgt wird. An ihrem Arbeitsplatz hat sie eines Tages eine mysteriöse Begegnung. Ein älterer Mann besucht sie, der offenbar viel über sie weiß, obwohl sie der Meinung ist, dass sie ihn noch nie gesehen hat. Schließlich bittet er sie, in das Hotel zurückzukehren. In das "White Octopus Hotel". Aber dort war sie noch nie. Oder etwa doch...?
Der Schreibstil ist eher einfach, was keinesfalls negativ gemeint ist. Das Thema Zeitreisen und deren Folgen ist sowieso schon etwas komplex, daher bin ich froh, dass die Sprache nicht extra eloquent gewählt ist. In der Übersetzung haben sich ab und zu Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen. So stand "die" statt "sie" oder "wie" statt "wir" (oder andersherum; genau weiß ich es nicht mehr) Bei einer Szene habe ich gestutzt. Einmal war von "Anzügen" und Krawatten die Rede, später von "Pyjamas". Ich weiß jedoch nicht, was im englischen Original steht.
Anhand des Klappentextes könnte man vermuten, dass es in der Geschichte "nur" um die Liebe geht, aber es geht auch viel um Trauer und Schuldgefühlen. Wie man überhaupt noch leben kann, wenn man schreckliche Dinge erlebt hat. Aber zum Glück geht es nicht nur um schwere Themen. Rätsel, Geheimnisse, mysteriöse Geschehnisse im Hotel spielen eine große Rolle. Magische Objekte, von denen man nicht weiß, wo sie zu finden sind oder ob sie überhaupt existieren. Dieses märchenhafte hat mir gut gefallen, da es einen guten Kontrast zu dunklen Szenen bildet. Miträtseln konnte man aber nur bedingt. Gruselige Momente kommen auch hier und da vor, sowie skurrile und bizarre Begebenheiten.
Die Zeitreisen an sich sind natürlich ein faszinierendes Thema. Wer möchte nicht gern in die Vergangenheit, um etwas zu ändern oder aufzuhalten. Wir alle haben vermutlich Dinge erlebt oder selber getan (oder eben nicht getan), die man mit dem heutigen Wissen anders angehen würde. Ein paar Szenen gibt es auch aus einer anderen Perspektive, dennoch sind diese nicht langweilig. Ganz im Gegenteil. Man erfährt dadurch andere Aspekte, die aus der Sicht der anderen Figur nicht vorkommen.
Eve ist felsenfest überzeugt, die Vergangenheit zu ändern. Aufgrund ihres Verlustes ist dies absolut nachvollziehbar. Wie sie aber sich selber bezeichnet, kann ich aber nur zu einem Teil nachvollziehen. Aber zum Glück habe ich aber auch nicht das gleiche wie sie erlebt. Zudem finde ich sie etwas naiv, dass sie glaubt, mithilfe eines Gegenstandes alles zum Besseren zu wenden. Aber da muss ich auch wieder sagen, dass ich nicht weiß, wie man nach einem Trauma reagiert und wie rational man ist. Zudem bin ich vielleicht auch zu sehr durch andere Zeitreisegeschichten beeinflusst.
Max hat ebenfalls schreckliche Dinge erlebt. Das historische Ereignis, in welchem er verwickelt ist, hat mich überrascht. Zunächst war ich etwas skeptisch, ob ein so furchtbares Ereignis wirklich so passend ist für ein Buch über ein mysteriöses Hotel. Aber nach Beenden des Buches finde ich es absolut in Ordnung. Bei Max wundere ich mich nur, warum er eine Person nicht erkennt, obwohl er sie eigentlich schon sehr gut kennt. Auch dass er nicht überzeugt ist, dass es magische Objekte oder Fähigkeiten gibt, obwohl er schon in der Hinsicht Erfahrungen gesammelt hat.
Das Cover ist nicht ganz mein Fall. Nur durch Zufall habe ich zunächst den Klappentext und anschließend die Leseprobe gelesen, die mich überzeugt hat. Für diese Geschichte finde ich das Cover nicht ganz passend, da es meiner Meinung nach falsche Erwartungen weckt. Mich erinnert es eher an eine etwas seichte Liebesgeschichte. Die dunkleren Aspekte der Geschichte waren für mich daher etwas überraschend, da man beim Anblick des Buches dies vermutlich erstmal nicht erwartet.
Das Ende hat mir gut gefallen. Wobei man schon vielleicht ein bisschen überlegen muss, um die Zusammenhänge und Geschehnisse zu verstehen und für sich zu ordnen. Wie bei vielen Zeitreisegeschichten ist es schon etwas paradox, dass Sachen passieren, weil sie schon in der Zukunft (oder Vergangenheit? Es ist kompliziert!) passiert sind. Da stellt sich die Frage, wie viel Handlungsspielraum man hat, wenn man weiß, dass man etwas schon getan hat und ob man überhaupt etwas ändern kann. Damit kann ich mich aber arrangieren. Ob der Autorin gelungen ist, die Handlung fehlerfrei zu gestalten, kann ich nicht mit absoluter Sicherheit behaupten. Mir sind keine Schnitzer aufgefallen. Bei der komplexen Zeitreisehandlung kann es aber auch sein, dass es mir nicht aufgefallen ist. Ich habe es einfach akzeptiert, dass Dinge geschehen, weil sie schon geschehen sind. Es kann natürlich sein, dass andere Lesenden damit ein Problem haben.
Die wichtigsten Fragen werden beantwortet, manches bleibt aber unbeantwortet. Was mir besonders gut an dem Buch gefallen hat, ist, dass man nach Beenden des Buches gleich zurück blättern möchte, um bestimmte Szenen noch mal zu lesen. Dann bekommen diese eine ganze andere Bedeutung! Und das ist bei ganz vielen so. Ich liebe sowas!
Insgesamt hat mir dieses Buch, mit kleinen Abstrichen, sehr gefallen und ich werde in Zukunft schauen, was für andere Geschichte Alexandra Bell noch veröffentlicht.
(Eigentlich viereinhalb Sterne, aufgerundet auf fünf)
Noch ein Hinweis: Enten sollte man nicht füttern, vor allem niemals mit Brot! Es quillt im Magen auf und kann daher tödlich sein. In der Natur finden die Tiere in der Regel schon genügend zu fressen. Im Buch gibt es eine Szene, in der Charaktere Enten mit Brot füttern, daher wollte ich noch mal darauf hinweisen, dass man das nicht tun sollte.