Manchmal brauchen Geschichten Zeit, um mich in ihren Bann zu ziehen. Vatertage war so eine Geschichte. Doch je weiter ich in Anne Berests Roman, erschienen im Mai 2026 beim Berlin Verlag und übersetzt von Amelie Thoma & Michaela Meßner, eintauchte, desto mehr fesselten mich die Generationenkonflikte und die Verbindungen zwischen persönlicher Familiengeschichte und historischen Umbrüchen. An mein Jahreshighlight Die Postkarte reicht das Buch für mich zwar nicht heran, lesenswert ist es dennoch.
Worum gehts?
Nach Büchern über ihre mütterliche Familiengeschichte widmet sich Anne Berest diesmal der väterlichen Linie. Die Bretagne, in die die Familie über Generationen hinweg zurückkehrt, ist dabei weit mehr als ein Sehnsuchtsort. Sie prägt Identitäten, Beziehungen und Lebenswege. Anne Berest erzählt von einer Familie, deren Geschichte eng mit der Geschichte der Region verwoben ist: von den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg über die Zerstörung Brests bis zu gesellschaftlichen Umbrüchen und der Frauenbewegung.
Meine Meinung
Was Anne Berest meiner Meinung nach supergut gelingt, ist aufzuzeigen, dass Herkunft nicht einfach etwas Vergangenes ist. Sie wirkt in uns weiter, oft ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Schon zu Beginn beschreibt die Erzählerin im Buch die Distanz, die durch ihren Geburtsort außerhalb der Bretagne entsteht: Ich fühlte mich deswegen meinem Vater auf kaum merkliche Weise fremd. (S. 9) In diesem Satz steckt für mich viel von dem, worum es in diesem Roman geht: um Zugehörigkeit, Entfremdung und die Frage, wie sehr uns unsere familiären Wurzeln bestimmen.
Dabei geht es nicht nur um das, was weitergegeben wird, sondern auch um das, worüber geschwiegen wird. Nein. Die Logik des Schweigens gilt ein Leben lang. (S. 229) Dieser kurze Satz bringt für mich auf den Punkt, wie lange unausgesprochene Konflikte und Familiengeheimnisse auch über Generationen (!) nachwirken können. Apropos Generationen: Auch die Generationenkonflikte haben mir gefallen, ebenso wie die Einblicke in die Frauenbewegung und in die Erwartungen, mit denen Frauen verschiedener Generationen konfrontiert waren.
Anne Berest verbindet persönliche Erinnerungen mit historischen Ereignissen und macht dabei auch deutlich, dass Familiengeschichte nie losgelöst von gesellschaftlichen Verhältnissen erzählt werden kann.
Fazit
Vatertage hat mich nicht so mitgerissen wie Anne Berests Die Postkarte, bietet aber einen vielschichtigen Blick auf Herkunft, Erinnerung und die Spuren, die frühere Generationen in uns hinterlassen. Eine lesenswerte Familien- und Generationengeschichte, die zugleich auf spannende Weise ein Stück bretonische Geschichte erzählt.