Als Surferin habe ich viel Zeit im Van an der südfranzösischen Atlantikküste verbracht. Während ich Unser Sommer endet nie las, war ich im Kopf so vollständig mit den Schwestern Agathe und Emma im Baskenland, dass ich kurzzeitig irritiert aus dem Bus stieg, weil ich mich in Bayern wiederfand.
Phänomenal erweckt Virginie Grimaldi die Küste bei Biarritz zum Leben, so atmosphärisch erzählt sie das Meer, den Sommer und die Farben an diesem besonderen Ort. Ein letzte Woche verbringen die Schwestern im Haus der Großmutter, es wird eine intensive Sommerwoche geprägt von Vergangenheitsbewältigung und der Fülle aller Sommer, die sie hier verbrachten.
Virginie Grimaldi entwirft eine komplexe Familiengeschichte, überschattet von der tyrannischen alkoholsüchtigen Mutter, bestimmt von der Abwesenheit des Vaters, getragen von der bedingungslosen Liebe der Großmutter und dem unbedingten Zusammenhalt der Schwestern.
In Rückblenden nähert sich die Vergangenheit der Gegenwart, so stark die Schwestern aneinander haften stoßen sie sich ab, wenn die Nähe zu intensiv wird. Die eine eckt an, die andere glättet die Wogen, die eine ist neurodivers, wild, kreativ, mit extremen Gefühlen konfrontiert, oft soziophob, die andere linear, sozial und lebt die Rolle der Beschützerin.
Virginie Grimaldi lässt ihren Figuren Raum, mit all ihren Widersprüchen und Brüchen, Geheimnissen, Unsicherheiten und unauflösbaren Beschädigungen.
Unser Sommer endet nie strahlt vor Wärme und Witz, genialen, schlagfertigen und urkomischen Dialogen, und wird dann wieder ganz leise, um die Zerbrechlichkeit geschundener Seelen und intensiver Beziehungen einzufangen.
Mit unbändiger Energie bieten Agathe und Emma der Härte des Lebens die Stirn. So entsteht in den leuchtenden Farben des baskischen Sommers ein großes Gemälde von Schwesternschaft, Zusammenhalt, humorvoller menschlicher Intelligenz und der Schönheit des Lebens. Trotz allem.
Sprachlich haben die Tagebuchsequenzen der ersten 75 Seiten ein paar Schwächen, aber dann wird es immer besser. Und dann hat der Roman mich eingesogen, um mich nach 350 Seiten und um eine Freundin reicher wieder freizulassen. Agathe wurde für mich geschrieben.