Das erste Mal seit Längerem, dass ich eine Leseprobe las und mich ein Schreibstil derart gefangen nahm, dass diese Geschichte nicht zu lesen keine Option war. Glücklicherweise, denn ein Blick auf das bereits veröffentlichte Portfolio der Autorin hätte mich eher wenig neugierig gemacht und anhand dessen hätte ich nicht darauf geschlossen, wie gekonnt Hannah Häffner mit Sprache spielen und zu etwas ganz eigenem verdichten kann.
Und dabei kommt die Geschichte gar nicht pompös daher. Es ist eine Geschichte, wie es sie zahlreich gibt, in Dörfern, Kleinstädten, Gemeinden.
Eine Frau, die nicht so recht ins Bild passen mag und sich auch keine Mühe gibt, dies zu ändern. Eine "Riesin" mit sommersprossenbefleckter Haut, rotem Haar und schlaksigem Körperbau, die Andersartigkeit ausstrahlt in einem Provinznest, das sie genau dafür abstraft: "[...] Hier kann sie nie etwas anderes sein als das, was sie ihr nachrufen" (S. 9) Dann eine Tochter, eine Enkeltochter. Alles Riesinnen, alle das Abbild der Eigenwilligkeit, der Fremde. An einem Ort, an dem nichts so sehr gefürchtet wird, wie das. Und dann die große Frage nach Heimat, wie unterschiedlich dieses Gefühl gelebt und gefühlt werden kann. Liese, die Ur-Riesin, die vergiftete Erinnerungen an diesen Ort hat, sich aber mit der Familie eine Art von Zuhause schafft. Dann die Tochter, deren ganzes Streben wegführt von diesem Ort, an den sie letztendlich, zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung, verbannt wird. Und die Enkelin, die genau hier ihre Wurzeln spürt, für die ihr Zuhause schon immer das war, war es dem Wort nach ist - ein Zuhause.
Ein Verständnis von Heimat, das man ganz selbstverständlich dem Nachkommen weitergeben möchte und daran scheitert. Das verhandelt der Roman ganz wunderbar und nur eine sehr starke Mutter-Tochter-Enkelin Beziehung hält diesen Unterschiedlichkeiten statt.
Runtergebrochen kann ich sagen: Die Geschichte ist beinahe alltäglich, die Fragen, die sie verhandelt, vermutlich immer aktuell. Doch nicht wegen der Geschichte wird mir der Text in Erinnerung bleiben, viel mehr wegen der Charaktere und ganz besonders wegen des Schreibstils. Bitte mehr davon!