Das schöne Cover und der passende Farbschnitt sehen fantastisch aus und verleihen der außergewöhnlichen Geschichte eine angemessene Erscheinung. Ich war von Beginn an fasziniert von der Bauerntochter Yin Wei und überrascht, wohin das alles führte, denn das hätte ich ihr nie zugetraut. Für mich war es ein frischer Ansatz und eine Abwechslung im Fantasy-Genre. Der warnende Hinweis ist angemessen, denn die Handlung ist düster und enthält brutale Szenen, die an einen Thriller erinnern: Ich hatte nie zuvor solche Menschen getroffen. Menschen, die so grausam waren wie die Bösewichte in Geschichten.
Yin Wei erzählt, abgesehen von ein paar Ausnahmen, nachvollziehbar aus ihrer Sicht. Ihr Dorf, ihre hungernde Familie und ganz besonders ihr kleiner Bruder Bao liegen ihr so am Herzen, dass sie, trotz des grausamen Rufes des Prinzen, alles riskiert, um seine Konkubine zu werden, obwohl die Chancen beinahe aussichtslos sind, da sie vom Dorf kommt. Ihr schlägt nur Verachtung entgegen, alles ist neu und fremd, und trotzdem gibt sie nicht auf: egal, wenn mich keiner mochte, denn ich war nicht für sie hier, sondern einzig und allein für Bao. Die Konkurrenz ist erbarmungslos, die Chance, Macht zu erlangen, verlockend. Merk dir meine Worte, Dorftöle: Du wirst sterben. Und wenn du tot bist, dann werde ich deinen Platz einnehmen. Sie lernt nicht nur die Kunst der Verführung der Schlage, sondern verbotenerweise Literomantie, was es ihr ermöglicht, an ihrem Herzseelengedicht zu arbeiten. Es ist die einzige Möglichkeit den grausamen Thronfolger zu töten, der von einem mächtigen Schutzzauber geschützt wird, und so das Land vor einem tyrannischen Herrscher zu bewahren, der das Volk der Hungersnot überlässt. "Wie ungerecht es doch war, musste ich unwillkürlich denken, dass der Böseste unter uns zugleich der Unbesiegbarste war. Diese starke und kluge Heldin hat mich in vieler Hinsicht beeindruckt, wie sie klaglos leidet, was sie durchstehen muss, und wie sie ihre unerwünschte Rolle anerkennt, in der alle auf sie zählen. Die Bewunderung gilt nicht nur ihrem vorausschauendem Denken, sondern auch ihrer gesamten Entwicklung, die so bedacht und eindringlich geschildert wird, dass Shen Tao und den Übersetzerinnen Sybille Uplegger und Alicia Rein ein großes Lob gebührt.
Ich war gebannt, fand es sehr spannend und bin begeistert, weil diese Geschichte beweist, dass es nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen muss, es auch ohne großes Worldbuilding und schablonenhafte Charaktere funktioniert. Spicy wird es übrigens auch nicht. Das Ende ist grandios.
Ein Highlight voller Tragik, Schmerz, Leid, gnadenloser Machtspieler und einem Hauch Magie. Sehr empfehlenswert für alle, die Lust auf was anderes haben und die Brutalität nicht abschreckt.