Insel der Ratten ist im Original bereits 2021 erschienen, und zwar in einem Sammelband, was meiner Meinung nach folgerichtig ist, denn als eigenständiger Roman bietet das Buch nicht genug. Ich empfand es eher als Appetithäppchen und hätte gerne mehr davon gelesen - allerdings lieber mit weniger unnötiger Gewalt. Die gut 200 Seiten im Taschenbuchformat, mittels stabilem Kartoneinband zum Hardcover aufgeplustert, lassen sich in kürzester Zeit weglesen.
Das Szenario ist düster, aber sehr interessant, da es einigermaßen realistisch erscheint und ich mir vorstellen kann, dass es in unserer Welt in nicht allzu ferner Zukunft so abgehen kann. Nach der Pandemie ist die funktionierende Gesellschaft am Ende. Marodierende Banden beherrschen das Land, Polizei und Justiz stehen dem machtlos gegenüber. Jeder schützt sich selbst, so gut er kann. Der reiche Unternehmer Colin Lowe bringt seine Familie auf die einigermaßen sichere Insel der Ratten, während sein Sohn Brad mit seiner Gang Chaos auf dem Festland sein Unwesen treibt. Dabei vergreift er sich auch an der Frau und der Tochter des besten Freundes seines Vaters, Will Adams. Will sinnt auf Rache. Doch als Jurist glaubt er immer noch an Recht und Gesetz. Und so nimmt er die Rache nicht selbst in die Hand, sondern trickst Brad genial aus.
Das Büchlein ist durchaus lesenswert, wenngleich ein gutes Quantum weniger an Gewalt auch gereicht hätte. Manches wird viel zu brutal und detailliert beschrieben und wirkt einfach nur reißerisch. Das hat die Geschichte aber gar nicht nötig. Im Gegensatz dazu kommt mir der Verfall der Gesellschaft viel zu kurz. Es ist einfach so, fertig. Erläuterungen, wie es dazu kam, hätte ich hier sehr nützlich und wichtig gefunden. Auch bleiben die einzelnen Figuren relativ blass und distanziert. Nicht einmal Will und Yvonne, ein Chaos-Mitglied, aus deren Perspektiven abwechselnd erzählt wird, konnten mich wirklich berühren, obwohl sie einiges durchmachen.
Trotz aller Mankos hat Jo Nesbø ein spannendes Werk geschaffen, das viel Stoff zum Nachdenken gibt.