Die Feuchtigkeit durchtränkt das Land, die Kleidung, die Sicht, die Hochebene. Das Nordlicht flirrt, leuchtet, changiert, der Schnee hüllt das Land in Schweigen. Das Land, dieses weite, einsame Land hinter den Klippen, fernab von jeder Siedlung, nahe der Berge, mächtig und weit. Es ist ein Land, das ohne Sprache auskommt. Es hat seinen eigenen Rhythmus, wer hier lebt, findet im gleichen Takt den Einklang mit der Natur.
Nur so geht es. Im Sommer 1949 kamen 300 junge Frauen aus Deutschland nach Island. Auf den Höfen fehlten die Mädchen als Arbeitskräfte, nachdem so viele nach Amerika oder in die Städte abgewandert sind. Elsa ist eine von ihnen. Sie ist unerfahren und sie schweigt. Der Krieg hat ihr die Sprache genommen, und erst, wenn es keine Sprache mehr gibt, dann verschwinden die Bilder. Die Bilder sind es, die sie heimsuchen. In den Nächten und in den dunklen Wintertagen, die zwischen Trugbild und Wirklichkeit so leicht verschwimmen. Und deshalb verweigert sie es, Isländisch zu lernen.
Katrin Zipse entwickelt eine ganz eigene Sprache, die eindrücklich widerspiegelt, wie es gelingen kann, zu einem gegenseitigen Verstehen zu finden, das jenseits der Laute liegt. Elsa sucht ihre eigene Sprache, trotz der allgemeingültigen Annahme, sie müsse sich mehr Mühe geben, die Landessprache zu erlernen.
Doch es gibt ein tieferes Verständnis, das über die Worte hinausgeht. Eines, das sich in das Land hineinfühlt, den Takt der Hochebene und des Meeres erfasst, mit Empathie, differenzierten Beobachtungen und Taten einen eigenen Ausdruck findet.
Es entwickelt sich ein Gesellschaftsportrait aus Sagen und Märchen, dem harten Leben in der nordischen Wildnis, Auswanderung und Landflucht, Verlust, Gemeinschaft und Generationenkonflikten. Wenn Jazz aus dem Radio ertönt, treffen die Weltbilder aufeinander.
Moosland ist ein eindringliches Werk, das die Kraft und die Erbarmungslosigkeit eines rauen Landes einfängt, ein herrliches Klangbild des Isländischen über die waltenden Mächte der Natur legt und zugleich die tiefsten Bedürfnisse des Menschen erkundet. Es erzählt von Zuversicht und Verarbeitung, von dem ureigenen Vertrauen auf die eigene Stärke und lässt ein ganzes Land aus den Seiten auferstehen.
Ich habe Moosland sehr gerne gelesen. Einige Wortwiederholungen haben meinen Lesefluss etwas durchbrochen, aber dennoch ist dies ein traumhaft schönes Buch, das ich gerne weiterempfehle und verschenke.