Der Einstieg ist schon besonders. Im Prolog werde ich persönlich angesprochen und die Idee gefällt mir. Sie ist der Auftakt zu einem sehr ungewöhnlichen Thriller.
Bereits mit dem ersten Kapitel ist die Atmosphäre düster. Ich lerne die Autorin Katie kennen und recht zügig wird klar, was der Entführer von ihr möchte. Nun schleicht sich auch eine bedrohlich-märchenhafte Stimmung mit ein, die gleichzeitig deutlich im Thriller verankert wird.
Die Morde, die sich Katie im Auftrag des Entführers ausdenken soll, müssen sich an klassischen Märchenmotiven orientieren. Das, was Katie dann schreibt, wird in kleinen eingeschobenen Märchenpassagen erzählt. Sie wirken wie eigenständige Geschichten, die sich mit der realen Handlung verweben, weil der Täter sie wahr werden lässt. Dies erzeugt eine besondere Spannung.
Böser, böser Wolf wird auf mehreren Ebenen erzählt.
Lyla, die Ermittlerin, trägt die reale Handlung. Sie ist ambitioniert, aufmerksam und spürt früh, dass die Tatorte selbst eine Bedeutung haben. Ihre Perspektive ist für mich die stärkste, weil ich ihr nicht nur bei der Ermittlungsarbeit zur Seite stehe, sondern weil ich auch viel über ihre Gedanken, Emotionen und ihre Vergangenheit erfahre. Zudem hat sie einen großen Verlust in jungen Jahren erlitten und die aktuellen Morde scheinen die Handschrift des Täters zu tragen, der für das Verschwinden ihrer besten Freundin Allison verantwortlich ist.
Katie hingegen bleibt mir fremd. Ihre Motive wirken sprunghaft und ich erkenne die Hinweise, die sie angeblich in ihre Texte für Detective Inspector Lyla einbaut, nicht.
Die Nebenfiguren bleiben blass. Sie wirken wie Statisten, die sich leicht auswechseln lassen. Im Grunde dienen sie lediglich zur weiteren Entwicklung der Handlung, bleiben mir aber bis auf die mysteriöse Pilzfrau nicht lange im Gedächtnis.
Böser, böser Wolf ist temporeich, atmosphärisch dicht und klug konstruiert. Doch dann beginnt der zweite Teil und plötzlich verändert sich die Erzählung. Die Realität wirkt nicht mehr so stabil wie zuvor. Wahrnehmungen verschieben sich, Zusammenhänge wirken anders als gedacht und ich habe das Gefühl, in ein gedankliches Experiment hineingezogen zu werden. Für einen Moment bin ich irritiert, weil Böser, böser Wolf eine Richtung einschlägt, die ich nicht erwartet habe und ich ehrlicherweise superskurril finde. Gleichzeitig fasziniert mich dieser Bruch, weil er mutig ist und die Grenzen des Genres bewusst aufbricht und anfängt mit anderen Genre zu kombinieren.
Die Spannung bleibt erhalten, verändert jedoch ihren Charakter. Es geht nicht mehr nur darum, wer der Täter ist, sondern vielmehr darum, wie die Ebenen miteinander verbunden sind und was davon tatsächlich Bestand hat. Manche Passagen wirken bewusst surreal, andere laden mich zum Spekulieren ein. Ich ertappe mich dabei, eigene Theorien zu entwickeln und versuche, die zahlreichen Fäden zusammenzuführen. Nicht alles überzeugt mich, manches erscheint mir zu weit hergeholt, doch die Grundidee bleibt interessant.
Am Ende habe ich das Gefühl, ein ungewöhnliches Buch gelesen zu haben, das sich nicht an klassische Thrillerregeln hält. Es spielt mit Märchenmotiven, mit Wahrnehmung, mit Realität und Fiktion. Nicht alles gefällt mir, besonders das Ende nicht, aber die Atmosphäre und der Mut zur Andersartigkeit bleiben definitiv in meinem Gedächtnis haften.
Fazit:
Böser, böser Wolf ist ein ungewöhnlicher Thriller, der mit düsteren Märchenmotiven sowie mit der eigenen Wahrnehmung spielt und mich trotz kleiner Irritationen gut unterhalten hat.