Jewa ist mit Herzblut Schneckenforscherin und will mit aller Macht versuchen, einige kurz vor dem Aussterben befindlichen Arten in ihrem mobilen Campinglabor zu retten. Um diese Arbeit zu finanzieren, ist sie Teil der ukrainischen Heiratsindustrie und gaukelt den heiratswilligen Ausländern vor, sich für sie zu interessieren. In diesem Brotjob lernt sie auch die beiden Schwestern Nastia und Sol kennen, die von ihrer Femen-aktivistischen Mutter verlassen wurden. Um deren Aufmerksamkeit zu bekommen, entschließen sich die Schwestern kurzerhand einige der ausländischen Männer zu entführen. Just da startet Russland seinen Angriffskrieg...
Welch intelligenter, kreativer, tiefgründiger und spiegelvorhaltender Roman ist Maria Reva hier gelungen! Wähnt man sich anfänglich in einem Wissenschaftsroman, in dem es hauptsächlich um den leidenschaftlichen Kampf Rewas für vor dem Aussterben bedrohte Schnecken geht, entwickelt sich die Geschichte schnell zu einem Spiegelbild der ukrainischen Gesellschaft - bis dann eben der Krieg anfängt und eine unwiederbringliche und drastische Zäsur einsetzt. Die Autorin schrieb schon mehrere Jahre an dem Buch und musste nach Kriegsbeginn ihre Story komplett überdenken. So webt sie geschickt das Kriegsgeschehen ein, gibt glaubhaft wieder, wie unvorstellbar diese neue Tatsache den Einwohner*innen - und noch mehr den Heiratswilligen aus Übersee - war und doch bald mit der harten Realität leben müssen. Und: sie beginnt sich selbst in das Buch zu reklamieren, reflektiert autobiographisch die Schreiberei und die Geschichte, ohne dass es den Lesenden erst so bewusst ist.
Der Roman ist deshalb - abgesehen von der irrwitzigen Geschichte - alles, nur nicht linear. Reva setzt unterschiedliche Textsorten ein, von der klassischen Erzählung, über Textnachrichten und Drama bis hin zu Interviews und Protokollen. Einige der Texte lösen Rätselraten aus, andere verwirren, ist man aber am Schluss angekommen, kann man nur staunen über so viel gekonnte Genialität, denn auch wenn man nicht alles verstanden haben mag, ergibt alles schlussendlich doch so viel Sinn.
Wir begleiten unterschiedliche Protagonist*innen, die charakterlich authentisch, tiefgehend und doch ein wenig schrullig gezeichnet sind. Im Laufe des Buches entwickeln sie sich, werden nachvollziehbarer, wachsen einen ans Herz. Träume platzen, Ziele verändern sich und trotzdem bleiben allesamt beharrlich, nicht nur um ihrer selbst Willen, sondern auch zum Wohl der Gruppe, die sich zwangsläufig entwickelt und zusammenwächst. Bei all dem Drama, das sich abspielt, bleiben sich die Figuren treu und verlieren ihr Ziel nicht aus den Augen. Beispielsweise sticht Jewa mit ihrer Leidenschaft für Schnecken hervor, sie tut trotz kriegerischem Mord und Totschlag alles, um für Lefty - einer äußerst seltenen Schnecke mit linksdrehendem Gehäuse - einen Partner zu finden, um ihren Fortbestand zu sichern.
Ein weiterer Faktor, der dieses Buch zu einem Genuss macht, ist der schwarze Humor, ohne dem wohl die Tragik der Ereignisse nicht auszuhalten wäre. Diesen gekonnt an den richtigen Stellen einzusetzen, ohne Geschehen und Figuren lächerlich zu machen, ist eine Kunst, die Maria Reva vorzüglich beherrscht. Ebenso die Breite der Gesellschaftsanalyse- und Kritik und Fragen nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Identität.
Es gibt für mich keinen Grund, warum man dieses Buch nicht lesen sollte - für mich ist es jetzt schon ein Klassiker der 2020er Jahre, der mit scharfer Beobachtungsgabe anhand eine großartigen Story unserer westlichen Welt einen Spiegel vorhält. Lang lebe das Königreich der Schnecke!