1945. Im kleinen Örtchen Giesenbach im Westerwald leben nur noch die Frauen; alle Männer sind im Krieg. Die Schwestern Hanni und Grete, deren 10jähriger Sohn Max mehr an seiner Tante hängt, führen den "Dorfkrug" mehr schlecht als recht weiter. Als ein englischer Bomber abgeschossen wird, findet Hanni den Piloten James und versteckt ihn vor den Nazis.
2014. Max, inzwischen verwitwet, ist seinen Enkelinnen Lulu und Malin ein liebevoller Großvater. Als Lulu ihre Anstellung in einem Sylter Feinschmeckerrestaurant hinwirft, damit auch ihren Chef und Lebensgefährten Volker verlässt und nach Giesenbach zurückkehrt, entsteht die Idee, dass sie den inzwischen von ihren Eltern aufgegebenen "Dorfkrug" übernimmt und zum 750jährigen Dorfjubiläum neu eröffnet. Als Lulu und Marlin bei ihrem Großvater auf einen Stapel ungeöffneter Briefe stoßen, ist ihre Neugier geweckt und sie versuchen, ein lang gehütetes Familiengeheimnis aufzudecken......
"Das Geheimnis der Frauen" ist ein wunderbarer Roman der deutschen Redakteurin und Schriftstellerin Sonja Roos, die das Setting in ihre Heimat, den Westerwald, gelegt hat.
Sonja Roos schreibt flüssig, bildhaft und emotional und lässt die beschriebenen Szenen leicht lebendig werden vor den Augen ihrer Leser*Innen.Nicht nur wegen eines ungelösten Todesfalls im Prolog, gelingt es der Autorin, schnell Spannung aufzubauen und diese durchgehend hoch zu halten. Nach und nach werden immer mehr Details und ZUsammenhänge aufgedeckt, bis bei einer dramatischen FAmilienzusammenführung am Ende alles zu zerbrechen droht.
Erzählt wird die Familiengeschichte in zwei Zeitebenen; dabei wird die Vergangenheit von einer neutralen Erzählperspektive aus geschildert, während in der Gegenwart Lulu die Ich-Erzählerin ist. So sind beide Ebenen klar voneinander abgegrenzt; viele Kapitel enden mit einer Art Cliffhanger, so dass man das Buch kaum aus der Hand zu legen vermag und schnell alles erfahren möchte.
Die Figuren sind authentisch gezeichnet und insbesondere die Hauptfiguren wirken mehrdimensional; ich fühlte fast sofort eine tiefe Verbindung zu den sympathischen Figuren Lulu, Hanni und James, dem englischen Piloten sowie dem älteren Max, der nach dem Tod seiner geliebten Frau keine neue feste Bindung eingehen kann oder will. Grete ist sicherlich eine Figur, über deren Verhalten sich diskutieren lässt, doch ich fühlte MItleid mit dieser Frau, die einerseits für ihre Familie ihren Körper opferte, andererseits aber kaum ihre wahren Gefühle auszudrücken vermochte und viel missverstanden wurde, bis sie schließlich an den Folgen zerbrach und großes Leid nicht nur über Hanni brachte. Positiv hervorheben möchte ich, wie selbstverständlich Sonja Roos mit Marlin und Sarah ein queeres Paar in der Familie etabliert hat.
Wirklich überragend ist meiner Meinung nach, wie Sonja Roos das (Über-)Leben in einem kleinen Dorf während des Zweiten Weltkrieges schildert.:Der tägliche Alltag und die Probleme, Nahrungsknappheit, verschiedene Ängste und die konkrete Todesangst während der Bombenangriffe, die mit wenigen ruhigen Worten geschildert wurden und mir doch so nahe gingen. Und immer wieder das Auftreten der Nazis, die selbst noch kurz vor Kriegsende ihre Macht missbrauchten und grausam agierten. Die Stärke der Frauen, die in diesen Zeiten über sich hinauswuchsen und immer wieder zu Lachen und Fröhlichkeit fanden, großer Mut Einzelner, Zusammenhalt aller, was dem Grauen des Krieges gegenüberstand. Das ist echte und emotionale Geschichtskunde, die neben den Schlachten oft vergessen wird. Und wie sich daraus eine Spachlosigkeit, ein Schweigen entwickelte, das in einem so großen Familiengeheimnis mündete, das noch viele Jahrzehnte später eine solche Macht hatte - und aus dem sich die Lehre ziehen lässt, dass das Miteinander Reden so wichtig ist.
Ein kleiner Kritikpunkt für mich war, dass die Autorin in der Handlung einige Details ausgespart hat, um die Handlung schnell voranzutreiben, an denen sich mein logisches Denken jedoch aufgehängte - doch das ist sicher verschmerzbar.
"Das Geheimnis der Frauen" ist ein Buch, das mich emotional gepackt und sehr gut unterhalten hat - und auch dabei hilft, die Grauen des Krieges nicht zu vergessen, damit wir uns mit aller Macht gegen zukünftige stemmen können.