Nach dem Klappentext hatte ich eine ziemlich klare Vorstellung von diesem Roman. Ich erwartete eine leichte, turbulente Geschichte über eine Familie im Camper, über improvisierten Alltag auf engem Raum, kleine Pannen, viel Durcheinander und dieses typische Vanlife-Gefühl zwischen Freiheit und Familienchaos.
"Sonne im Gepäck" ist der zweite Band nach "Das Glück in allen Farben". Den Vorgänger kannte ich nicht, was beim Lesen aber keinerlei Problem darstellt. Die Geschichte funktioniert problemlos für sich allein.
Im Mittelpunkt steht Valerie, deren Leben seit der Geburt der Zwillinge Leni und Luis komplett auf den Kopf gestellt wurde. Was sie sich immer gewünscht hat, fühlt sich plötzlich nach einer dauerhaften Überforderung an. Zwischen Familie und Arbeit versucht sie allen gerecht zu werden und hat doch ständig das Gefühl, an beiden Fronten zu scheitern. Tom scheint deutlich gelassener durch den Alltag zu gehen. Er bleibt ruhig, sieht Probleme aber oft nicht oder packt sie zumindest nicht sofort an. Genau diese Haltung hätte mich vermutlich genauso genervt wie Valerie.
Die Idee des gemeinsamen Roadtrips klingt zunächst nach einer echten Chance. Tom reist für ein Kulturprojekt mit einem Kreativteam durch Europa und Valerie beschließt kurzerhand, mit den Kindern im Camper mitzukommen und am Projekt mitzuarbeiten. Arbeit und Kinderbetreuung sollen geteilt werden, die Familie wieder enger zusammenwachsen.
Die ersten Kapitel fand ich tatsächlich erfrischend. Valerie steht permanent unter Strom, alles läuft gleichzeitig, alles muss organisiert werden. Das fühlt sich authentisch an und trifft die Realität vieler Familien ziemlich genau.
Dann kommt der Alltag auf engstem Raum. Und der kann schnell eskalieren. Magen-Darm im Camper gehört definitiv zu den Szenarien, die man sich im Urlaub lieber erspart. Zum Glück ist die Phase schnell überstanden, doch das Chaos bekommt direkt neuen Zuwachs, als Valeries Mutter unangekündigt auftaucht. Einerseits bringt sie noch mehr Unruhe in die Situation, andererseits kann sie auch eine echte Unterstützung sein. Vorausgesetzt, Valerie lässt das zu.
Andere Kapitel waren für mich allerdings deutlich zäher. Große Teile der Handlung drehen sich um berufliche Probleme und um das organisatorische Chaos rund um die Events in den verschiedenen Städten. Genau hier hatte ich mir etwas anderes erhofft. Die Reise selbst, die Orte und vor allem das Leben im Camper bleiben erstaunlich oft im Hintergrund.
Wie funktioniert der Alltag mit zwei kleinen Kindern auf so engem Raum? Wer kocht, wer spült, wie läuft das Einkaufen, wie organisiert man die Familie unterwegs? Genau solche Szenen hätten dem Roman für meinen Geschmack mehr Leben gegeben. Stattdessen geht es häufig um berufliche Schieflagen und um die Eventorganisation. Das hat mich stellenweise etwas ermüdet.
Erst später kommt wieder mehr Bewegung in die Geschichte. Es entsteht endlich ein wenig Urlaubsstimmung und auch der Familientrubel wird lebendiger. Besonders Vito sorgt für frischen Wind.
Sehr gelungen fand ich die Darstellung des "Mental Load". Valerie trägt gedanklich ständig eine riesige Liste mit sich herum. Dinge organisieren, an alles denken, Kinder versorgen.
Viele dieser Aufgaben bleiben oft an den Müttern hängen. Diese Beobachtung wirkt im Buch sehr treffend und nachvollziehbar. In diesen Momenten konnte ich mich gut mit Valerie identifizieren.
Vanlife bedeutet für mich allerdings noch mehr als das, was im Buch gezeigt wird. Es bedeutet Freiheit, spontane Entdeckungen, Begegnungen mit Menschen und Landschaften. Man sieht viel mehr von einem Land als bei einem klassischen Hotelurlaub und kann flexibel reisen. Gerade für Kinder kann das ein großes Abenteuer sein. Genau diese Seite hätte ich mir im Roman stärker gewünscht.
Ab der zweiten Hälfte kam wieder mehr Leichtigkeit in die Geschichte. Das Familienchaos wird lebendiger, der Ton lockerer und einige Szenen bringen genau die Atmosphäre, die ich mir am Anfang erhofft hatte. Das hat das Buch für mich am Ende ein gutes Stück gerettet.
Fazit:
Eine unterhaltsame Familiengeschichte mit vielen treffenden Beobachtungen über Mental Load und Elternalltag. Leider rückt das eigentliche Vanlife oft in den Hintergrund, weil sich die Handlung stark auf berufliche Probleme konzentriert. Gegen Ende gewinnt der Roman wieder an Leichtigkeit. Für mich bleibt eine Bewertung zwischen drei und vier Sternen.