Ganz Wien rüstet sich 1879 zur Silberhochzeit des Kaiserpaares Franz Joseph und Elisabeth, die mit einem pompösen Festzug über die Ringstraße gefeiert werden soll. Ganz Wien? Nein, denn solche Lustbarkeiten mit Menschenmassen rufen immer wieder Verschwörer und Attentäter auf den Plan, die den Trubel ausnützen, ihre sinistren Vorhaben in die Tat umzusetzen wollen und fordert andererseits die Polizei, die eben jenes bereits im Ansatz verhindern soll.
Als ein abgetrennter Kopf mit einer Botschaft auf Latein im Polizeipräsidium abgegeben wird, wirkt der Wiener Polizeipräsident Wilhelm Marx von Marxberg hochgradig nervös. Er beauftragt Geisterfotograf Hieronymus Holstein, der nun ganz offiziell als Privatermittler arbeitet, abermals mit den Ermittlungen. Marx scheint niemandem im Präsidium trauen zu können. Wie recht er damit hat, zeigen die weiteren Ereignisse.
Gleichzeitig zu den Ermittlungen bekommt Hieronymus Wohngemeinschaft Zuwachs von einem sympathischen Schaustellerpaar und Anezkas Tochter lernt die schwere Arbeit in einer der zahlreichen Spinnereien kennen.
Meine Meinung:
In seinem 5. Krimi gerät ausnahmsweise nicht Hieronymus Holstein unter Mordverdacht sondern ausgerechnet der Polizeipräsident wird eines Komplotts gegen den Kaiser verdächtigt. Wilhelm Marx von Marxberg (1815-1897), der seinem Namensvetter Karl, 1874 oder 1875 während eines Aufenthalts in Karlsbad begegnet ist, ist eine historische Figur, die bereits in historischen Krimis anderer Autoren Eingang gefunden hat. Marx von Marxberg ist eine interessante Persönlichkeit, deren Erfolge zahlreiche Neider auf den Plan ruft. Seine glänzende Karriere endet mit dem verheerenden Brand des Ringtheaters, der offiziellen Angaben nach 384 Todesopfer (Schätzungen sprechen von an die 1.000 Tote) forderte. Marx werden Nachlässigkeiten bei der Sicherheitsüberprüfung des Theaters vorgeworfen, weshalb er 1882 um Pensionierung ansucht. Ich denke, diese Katastrophe lässt sich Bastian Zach nicht entgehen, um weitere Krimi zu schreiben.
Doch zurück zu diesem Krimi. Holsteins Nachforschungen führen in das Revolutionsjahr 1848, in dem Arbeiter, Studenten und vor allem Frauen mehrmals auf die Barrikaden gingen, um gegen das System Metternich sowie die Arbeitsbedingungen und willkürliche Lohnkürzungen in den Fabriken zu protestieren. Während der Aufstände von März, August und Oktober sind bei den Kämpfen mindestens 2.000 Revolutionäre, darunter zahlreiche Frauen getötet worden (siehe Praterschlacht). Anschließend wurden namhafte Vertreter der Revolution wie Robert Blum, Alfred Julius Becher oder Hermann Jellinek hingerichtet. Diese Ermittlungen bescheren mir auch ein Wiedersehen mit der Frauenrechtlerin Karoline von Perin (1806-1888). Ja, so mag ich das! Historische Krimis, in denen reale Persönlichkeiten auftreten dürfen.
Allerdings sind Bastian Zach gleich zwei gravierende Fehler passiert, die zwar mit der direkten Handlung nicht zu tun haben, aber mich sehr ärgern und daher den 5 Stern kosten: (siehe Kapitel LXII/eBook S. 278)
Die Monarchie wäre zwar kurzzeitig erschüttert, aber wenn Erzherzog Franz Ferdinand erst den Thron besteigt, würde er rigoros gegen alle jene vorgehen, denen man die Mitschuld am Tod seines Vaters in die Schuhe schieben könnte. Sozialisten, Demokraten, Verfechtern der Rechte der Arbeiter und der Frauen. Allen jenen, die dem Machterhalt des Adels, der Großindustriellen und der Bourgeoisie entgegen stehen.
Hier muss es Kronprinz Rudolf heißen, denn der lebt 1879 noch. Er wird 1889 nach dem Mord an Mary Vetsera Selbstmord begehen. Daher ist von einer Thronfolge des Erzherzogs Franz Ferdinand (1863-1914) noch lange keine Rede. Zudem ist Franz Joseph der Onkel von Franz Ferdinand und nicht der Vater. Franz Ferdinands Vater ist Erzherzog Carl Ludwig von Österreich (1833-1896) , Franz Josephs Bruder.
Die Charaktere sind lebendig und manche, wie Anezka haben schrullige Angewohnheiten. Sie spricht von sich immer in der dritten Person. Schmunzeln musste ich über Louise von Marxberg, die wie es scheint, in dieser Ehe den Ton angibt. Der Schreibstil ist dem 19. Jahrhundert angepasst. So wird Hieronymus vom Polizeipräsidenten geerzt, auch wenn er ihm persönlich gegenübersteht. Veraltete Ausdrücke sowie Bezeichnungen im Wiener Dialekt werden in Fußnoten erklärt.
Fazit:
Wer historische Krimis liebt, wird auf seine Kosten kommen. Ich wünsche mir ein bisschen mehr Sorgfalt bei den historischen Details, denn der oben beschriebene Lapsus ist nicht der erste in dieser Reihe. Wie oben erwähnt, kostet dieser den 5. Stern, also 4 Sterne.