Ein kurzes Buch über meine Mutter so der Untertitel. Ja, mit seinen nur 128 Seiten ist das Buch ein kurzes Buch, aber ein gewaltiges.
Bärfuss beginnt sein Buch mit dem Tod seiner Mutter, die sich die teure Schweiz nicht mehr leisten konnte und ihre letzten Jahre in der Dominikanischen Republik verbrachte. Bei der Durchsicht ihres Nachlasses erkennt er ihre bittere Armut, erinnert sich an die katastrophale letzte Begegnung mit ihr und lässt seine Kindheit wieder Revue passieren: eine entbehrungsreiche Kindheit, ohne den Schutz einer Familie, ungeliebt, abgelehnt, von seiner Mutter um Geld und seine Zukunft betrogen, in die Obdachlosigkeit getrieben, mit einem Gauner als Vater, einem Flittchen als Mutter, mit einem vagantischen Stiefvater.
Die Mutter geht so weit, das Kind als sog. Verdingkind an eine Bauernfamilie zu geben, und der Junge war verkauft. Seine Klage über diese harte Zeit ist berührend, eine Klage darüber, dass seine Stimme erstickt, sein Wille an die Kette gelegt wird. Dennoch findet er autodidaktisch den Weg zur Schrift, zum Lesen, zu Büchern und wird in seiner Obdach- und Mittellosigkeit von allen guten Engeln behütet, wie er es heute sieht.
Der Autor bemüht sich offensichtlich um Distanz zur eigenen Biografie, wenn er nur vom Sohn und dann vom Jungen spricht, und er findet erst zum Ich, wenn er gegen Schluss die Biografie seiner Mutter in einen größeren Zusammenhang stellt. Er nimmt die gesellschaftlichen Verhältnisse der Schweiz in den Blick und klagt an: die Verdingung an, die aus armen Kindern Sklaven mache, und das System der Zwangsarbeit an, das bis in die 70er Jahre existierte. Wie wird man zum reichsten Land der Welt? Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und den Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen. Und die Geschichte dieses Krieges gegen die Armen und nicht gegen die Armut, die müsse erst noch geschrieben werden: der Feldzug der Rassisten und Eugeniker gegen die fahrenden Leute, die Homosexuellen, Waisen und alle anderen Schwachen. Und hier ordnet er seine Mutter ein, die mit Stärke und Mitleidlosigkeit versuchte, in diesem System zu überleben und dennoch scheiterte.
Und an diesem Punkt seines Buches, wo er das Wort Ich benutzt, bekommt auch seine Mutter ihren Namen: Ursula. Eine spezielle Form der Annäherung.