In "I'm the Blade" von Marie Grasshoff leben die Menschen in einer dystopischen Welt, in der die Dunkelheit sich nach und nach auf die noch bewohnbaren Gebiete ausweitet. Das sogenannte "Haus" ist eine riesige Organisation, die gegen eben diese Dunkelheit ankämpft. Hauptfigur der Geschichte ist dabei Seren, eine Assassinin des "Hauses", die immer wieder auf Einsätze geschickt wird, um Rebellen zu bekämpfen. Als magisches Attribut dieser Welt können Menschen, wenn sie während des Sterbens von einem Mitglied des Hauses berührt werden, zu echten Waffen in dessen Arsenal werden. Seren ist jedoch etwas Besonderes, denn sie kam während eines geheimen und illegalen Rituals zur Welt und besitzt deshalb ein Lager wie niemand sonst. Als Seren Vale, einen Rebellen, besiegt, wird dieser ebenfalls zu einer Waffe in ihrem Arsenal. Doch in ihrem Lager verhält er sich anders als jede Waffe zuvor. Er behält seinen freien Willen und verweigert jegliche Zusammenarbeit.
Was mir an dem Buch besonders gut gefallen hat, war das ausgeprägte und detaillierte Worldbuilding in Kombination mit einer wirklich besonderen, dystopischen Atmosphäre. Es erschloss sich nicht alles sofort, sodass man vor allem zu Beginn mitdenken und miträtseln konnte. Ich fand es sehr erfrischend, mal wieder einen so detaillierten und aufwendig konzipierten Fantasyroman zu lesen. Die Welt und die damit einhergehenden Regeln fand ich wirklich interessant, insbesondere auch, dass man die Welt nach und nach mit Seren entdeckt hat und sich nicht durch seitenweise Erklärungen arbeiten musste.
Auch der Schreibstil hat mir gut gefallen. Das Buch war angenehm geschrieben, manchmal vielleicht etwas zu ausufernd, aber insgesamt wirklich gut zu lesen. Dazu kam die tolle Atmosphäre, die für mich irgendwo zwischen Crime und Dystopie lag und die Geschichte für mich sehr besonders gemacht hat. Als Krimi-Leserin als auch Fantasy-Fan bin ich hier total abgeholt worden, diese Kombination gibt es wirklich selten!
Denn insbesondere die kriminalistischen Untersuchungen mochte ich sehr. Seren untersucht Mordfälle auf der Suche nach einer Rebellengruppe. Das fand ich wirklich gut gemacht und es hat mir Spaß gemacht, den Hinweisen zu folgen. Allerdings waren mir ab ca. der Hälfte des Romans einige Dinge inhaltlich doch zu vorhersehbar. Generell hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass die Handlung die meiste Zeit einen ziemlich geraden Weg genommen hat, ohne wirkliche Plottwists oder größere Überraschungsmomente. Gerade bei der Identität der verräterischen Person wurde mir relativ schnell klar, wer dahinterstecken müsste. Zum Schluss gab es dann allerdings nochmal eine heftige Wendung, die mir sehr gut gefallen hat.
Seren als Hauptfigur fand ich zunächst nicht unbedingt sympathisch. Gerade am Anfang hat mich etwas genervt, dass sie ständig betonen musste, wie hart sie ist und dass sie Probleme am liebsten (und normalerweise) schnell mit Gewalt lösen würde. Da musste ich irgendwann mit den Augen rollen. Je mehr ich sie allerdings kennengelernt habe, desto lieber mochte ich sie. Ihre Charakterentwicklung hat mir wirklich gut gefallen und wirkte auf mich auch glaubwürdig. Auch die Freundestruppe, die sich nach und nach im Laufe des Romans entwickelt hat, mochte ich sehr.
Mit der Liebesgeschichte zwischen Seren und dem Rebellen Vale hatte ich dagegen leider so meine Probleme. Prinzipiell hat mir die Charakterentwicklung der beiden gefallen und gerade die Enemy-Seite habe ich ihnen wirklich abgenommen. Ihr Hass und ihre Ablehnung wirkten für mich authentisch und glaubhaft, und auch, dass sie sich langsam annähern, konnte ich nachvollziehen.
Was für mich allerdings überhaupt nicht funktioniert hat, war die körperliche Anziehung zwischen den beiden. Ich habe das Prickeln zwischen ihnen vorher eigentlich überhaupt nicht gespürt. Und dann hatten sie gefühlt gerade ihr erstes wirklich nettes Gespräch und direkt danach kam der Spice. Der kam mir dadurch einfach viel zu plötzlich und irgendwie völlig aus dem Nichts. Da hätte ich mir definitiv noch ein oder zwei Kapitel Spannungsaufbau in Bezug auf ihre Beziehung gewünscht.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich ausgerechnet die Liebesgeschichte am schlechtesten finden würde, denn die Enemies-Seite habe ich den beiden wirklich abgenommen und war schon begeistert, weil es wirklich echte Feinde waren (in den meisten Romances ist es ja eher Rivals-to-Lovers, die sich von Beginn an schon anziehend finden). Aber die Sexszenen haben mir persönlich gar nichts gegeben, weil für mich einfach vorher keine entsprechende Spannung oder Gefühle angekommen sind. Ich habe die beiden als Paar einfach nicht gefühlt. Da hätte ich mir insgesamt auch noch etwas mehr Tiefe gewünscht, vor allem bei Vale.
Trotz dieser Kritikpunkte hat mir "I'm the Blade" insgesamt wirklich gut gefallen. Das Worldbuilding, die Atmosphäre, die Ermittlungen und vor allem Serens Entwicklung konnten mich überzeugen. Auch wenn mir ein paar Überraschungsmomente gefehlt haben und die Romance für mich leider nicht funktioniert hat, bin ich neugierig darauf, wie es weitergeht. Die bereits angekündigte Fortsetzung werde ich daher auf jeden Fall lesen!