Amelia ist auf der Suche nach ihrer verschwundenen Schwester Rose. Um herauszufinden, was vor einem Jahr passiert ist, nimmt sie eine neue Identität an und schleust sich auf eine exklusive Party der Familie Fowley in Norwegen ein.
Die Grundidee hat mir gut gefallen. Eine verschwundene Frau, eine wohlhabende Familie, bei der offenbar niemand ganz ehrlich ist, und ein abgeschottetes Anwesen am Fjord bieten eigentlich alles, was man für einen spannenden Thriller braucht. Auch die vielen Wendungen haben dafür gesorgt, dass ich wissen wollte, was tatsächlich passiert ist. Einige davon konnte ich vorhersehen, andere nicht. Wobei für mich weniger entscheidend ist, ob ich einen Twist errate, als ob er im Nachhinein schlüssig ist.
Genau da hatte ich allerdings immer wieder Probleme. Manche Entwicklungen und vor allem das Verhalten der Figuren wirkten auf mich etwas konstruiert. Amelias Vorgehen ist für einen Thriller eine interessante Idee, aber nicht alles davon konnte ich wirklich nachvollziehen. Auch einige Reaktionen der anderen Figuren waren mir zu passend für die Handlung. Ich kann mich auf ungewöhnliche Voraussetzungen einlassen, solange die Geschichte ihre eigenen Regeln glaubwürdig einhält. Hier hatte ich aber gelegentlich das Gefühl, dass die Handlung wichtiger war als die Plausibilität.
Das norwegische Setting fand ich grundsätzlich interessant, allerdings hätte der Fjord für meinen Geschmack stärker in die Geschichte eingebunden werden können. Vieles hätte auch an einem anderen abgelegenen Ort stattfinden können. Dafür funktioniert die abgeschottete Welt der Fowleys ganz gut: Hinter der luxuriösen Fassade gibt es jede Menge Geheimnisse und familiäre Konflikte.
Der Einstieg ist gelungen, zwischendurch zieht sich die Handlung für mich etwas. Im letzten Drittel nimmt das Tempo wieder deutlich zu, wobei mir der Showdown teilweise etwas zu viel wurde. Der Schreibstil ist flüssig und leicht zu lesen, sodass sich das Buch trotzdem schnell lesen lässt.
Insgesamt ist "Der Fjord" ein unterhaltsamer Thriller mit einer guten Ausgangsidee und einigen gelungenen Wendungen. Ganz überzeugt hat mich die Umsetzung allerdings nicht. Dafür waren mir manche Entwicklungen zu konstruiert und das Setting wurde nicht so genutzt, wie es möglich gewesen wäre.