Oroppa ist ein gefährlicher Ort. Es ist bunt, wild wie ein Dschungel, unberechenbar, spröde, zwielichtig und voller unerwarteter Abgründe oder aufragender Felswände. Es ist viel größer als Europa.
Oroppa ist die lautmalerische arabische Beschreibung für Europa. Es benennt einen Ort und bezieht die Distanz mit ein, aus der Safae el Khannoussi einen Blick auf den Kontinent wagt. In Oroppa wird die marokkanische Geschichte ein Teil der europäischen Erzählung, stellvertretend für eine Geschichtsschreibung, die Kapitel über Migration, Flucht, Diaspora, Exil und Widerspruch aushält.
Die Handlung ist schwer zu fassen, sie entzieht sich einer logischen Stringenz. Die Künstlerin Salomé Abergel ist kurz vor der Eröffnung ihrer wichtigsten Ausstellung verschwunden. Sie wurde 1957 geboren, als Tochter einer jüdischen marokkanischen Familie.
Jetzt, 2010 begeben sich mehrere Figuren auf die Suche nach ihr: die jüdische Galeristin Hannah Melger, Salmas Sohn Irad, der Gastronom Hbib Lebyad.
Im zweiten Teil der Handlung rekapituliert Yousuf Slaoui, Folterknecht in den Jahren unter Hassan II, wie Marxisten, Kommunisten, Linke, Intellektuelle, Studenten und weitere Gruppen verschleppt und brutal gefoltert wurden. Ein Opfer war Salomé, die im Gefängnis ihren Sohn bekam. In ihren Bildern stellt sie sich ihrem Trauma.
Der Roman quillt über vor Figuren, Geschichten, Nebenschauplätzen, Schauplätzen, Stimmungen. Safae el Khannoussi gelingt der Transfer der Handlung in die Form, sie öffnet Erzählräume, widerspricht den Gesetzen der Logik, erprobt neue Strukturen.
Sie erfindet das 21. Arrondisement als fiktiven Stadtteil von Amsterdam, den Bezirk der Ausgestoßenen, der Ausgegrenzten, der Migrant*innen. Allgegenwärtig protestiert er gegen die Selbstsicherheit des alten Kontinents, der von Angst regiert wird.
Mutig wagt Safae el Khannoussi, Althergebrachtes neu zu denken, mit den Geschichten der Ungesehenen anzureichern, führt gesellschaftliche Ordnungen und Zuschreibungen wie Herkunft, Religion und Status ad absurdum.
Oroppa ist aberwitzig, kritisch, überbordend, lässt Worte leuchten, gibt Sprachlosen eine Stimme, spielt mit Narrativen, Normen.
Ein zurecht preisgekrönter, großer europäischer Roman.