Das Mädchen mit den leeren Augen hat einen starken Anfang, der direkt eine bedrückende, beinahe niedergeschlagene Atmosphäre verströmt. Ich lerne den achtzig Jahre alten Klaus Riker kennen, der sein halbes Leben lang auf der Suche nach etwas Bestimmtem umtriebig durch die Welt zieht. Bereits hier stelle ich mir zahlreiche Fragen, besonders was so wichtig ist, dass er solche Mühen in Kauf nimmt. Schließlich findet er, was er sucht, doch das lässt mich etwas ratlos zurück.
Nach einem Zeitsprung von fünf Jahren lerne ich die Protagonistin Mina kennen. Auch sie wirkt auf mich getrieben. Der personale Erzähler vermittelt mir direkt, dass Mina von ihren inneren Dämonen und erlebten Traumata tief geprägt ist. Ein düsterer und melancholischer Grundton wabert von Beginn an unterschwellig durch die Geschichte und verstärkt das Gefühl, der kurzfristig durch eine hoffnungsvolle Stimmung unterbrochen wird.
Mina erhält die Zusage für eine Künstlerresidenz beim Künstlerkollektiv Crows Cry. Diese gewährt ihr einen sechsmonatigen Aufenthalt, bei dem sie mietfrei wohnen kann und fast ihre gesamten Ausgaben gedeckt sind. So kann sie sich endlich voll und ganz auf ihre Kunst konzentrieren und findet vielleicht das Sprungbrett für einen großartigen Neuanfang. Doch die beinahe euphorische Stimmung wird schnell getrübt, als Mina im mysteriösen und sterbenden Küstenörtchen ankommt.
Das Setting ist unglaublich düster mit seinem winterlichen Wetter, seinen nebligen Küsten und den heruntergekommenen Gebäuden, in denen das Künstlerkollektiv residiert. Die leichte Bedrohung wird immer deutlicher spürbar, aber ich kann sie noch nicht so recht greifen.
Nach und nach lerne ich die einzelnen Mitglieder des Kollektivs kennen. Sie alle sind unterschiedlich in ihren Charakteren, aber die meisten wirken auf mich exzentrisch. Auch finde ich ihre beinahe sektenmäßige Verehrung für Klaus Riker befremdlich. Und doch geben sich alle viel Mühe, sind aufmerksam und freundlich. Als Mina Klaus Riker persönlich kennenlernt, ist sie ganz angetan von ihm. Besonders seine Sicht auf die Kunst und deren Erschaffung findet sie reizvoll und anziehend. Doch immer wieder schleicht sich bei Mina ein Gefühl der Bedrohung ein, wenn sie mit ihm Zeit verbringt. Mina versucht ihrer inneren Stimme nicht ganz so viel Bedeutung beizumessen, doch ihre Vergangenheit hat sie gelehrt, auf die feinen Schwingungen zu achten. Hier scheint einiges nicht zusammenzupassen. Oder kann Mina sich einfach nicht darauf einlassen, dass auch sie mal Glück im Leben hat?
Mich verunsichert Minas Wechselbad der Gefühle immer mehr. Was auch daran liegt, dass der personale Erzähler sehr dicht an Mina dranbleibt. So erlebe ich das meiste aus ihrer Perspektive. Das befeuert die unterschwellige Paranoia, die Mina befällt, und lässt ihre Zweifel an der eigenen Wahrnehmung immer stärker werden. Die Grenzen zwischen ihren furchterregenden Albträumen, der Realität und einem aufkeimenden psychedelischen Wahn beginnen zu verschwimmen. Das bringt nicht nur Mina zum Zweifeln, sondern auch mich. Was stimmt hier nicht? Was ist wahr und was Einbildung? Vor allem, welchen Grund gibt es, dass Mina plötzlich solche starken emotionalen Empfindungen hat?
Manchmal denke ich, dass Mina besser daran täte, die Finger vom Alkohol und ihren Joints zu lassen, um mal einen klaren Kopf zu bekommen. Denn es gibt einige Anzeichen, die ich verdächtig finde, die Mina aber nicht wahrhaben möchte, weil sie zu sehr mit sich hadert und in ihren Emotionen gefangen ist.
Der Schreibstil schafft es auf eine beeindruckende Weise, mir beim Lesen nicht nur lebendige Bilder im Kopf zu erzeugen, sondern auch Minas Sinneseindrücke und ihre Empfindungen so stark zu transportieren, dass ich selbst das Gefühl habe, in einen regelrechten Rausch gezogen zu werden. Langsam beginnt die Geschichte, einen perfiden psychologischen Horror aufzubauen, was mich genauso verwirrt wie intensive Gespräche über Kunst. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst damit keinerlei Berührungspunkte habe. Zum Glück bringen mich diese Unterhaltungen nicht komplett aus dem Lesefluss und verstärken sogar das ungute Gefühl, dass in Das Mädchen mit den leeren Augen etwas Unheilvolles unter der Oberfläche brodelt.
Den Originaltitel The Still Place empfinde ich übrigens als deutlich passender, weil er den Inhalt des Romans für mich besser einfängt.
Minas Kampf gegen all diese Ungereimtheiten geht mir nahe und verzweifelt sehne ich mich genauso wie sie nach mehr Klarheit. Doch die gibt es wenig. Es wird immer undurchschaubarer.
Ich treibe auf das Finale zu und bin völlig gefangen in dieser ungewöhnlichen Geschichte, die sich immer mehr zu einer Art Halluzination entwickelt. Der Höhepunkt steuert mit einer solchen Gewalt auf mich zu, dass ich gar nicht so recht begreife, was ich da lese. Ja, ich verstehe die Beweggründe und auch, was bezweckt werden soll. Aber ich kann es nicht fassen. Ich schwanke zwischen dem Gefühl, dass mich die Idee begeistert und dass ich die Umsetzung einfach nur abenteuerlich und völlig abgedreht empfinde. Das Ende kann ich schlecht greifen. Es ist irgendwie suspekt und nicht alles wird final aufgeklärt, sodass beim Schließen des Buches viel Raum zur Spekulation für mich bleibt.
Fazit:
Das Mädchen mit den leeren Augen ist ein verdammt verstörendes Leseerlebnis, das mich trotz aller Skepsis fasziniert. Wer Lust auf eine düstere, psychedelische Atmosphäre hat, sollte in diesen Thriller abtauchen.