Über das Leben der Landfrauen ist nur selten geschrieben worden. Das ist kein Zufall. Denn der Alltag der weiblichen Bevölkerung von Dorf und Kleinstadt scheint auf den ersten Blick unspektakulär und langweilig gewesen zu sein. Bescheiden und fleißig haben Mädchen und Frauen Haus und Hof bestellt und sind mit größter Selbstverständlichkeit im Schatten ihrer Männer geblieben, die als Bauern, Handwerker oder Arbeiter die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Bewohner des ländlichen Raums wahrgenommen haben. Öffentlich in Erscheinung getreten sind die Landfrauen eher selten, da ihre vielfältigen Arbeitsbelastungen dies kaum zuließen. Sie haben auch keine Zeit gefunden, selbst über ihre Lebensumstände zu schreiben.
Die in dieser Studie untersuchte Region, der südliche Solling, ist gekennzeichnet durch eine überwiegend kleinbäuerliche Landwirtschaft auf hängigen Flächen und steinigen Böden in rauem Klima. Die meisten landwirtschaftlichen Betriebe wurden im Nebenerwerb bewirtschaftet, d. h. ein zusätzliches Einkommen war nötig, um die Existenz der Familien zu sichern. Das Leben der Frauen auf den kleinen und kleinsten Höfen steht deshalb hier im Mittelpunkt, aber auch Frauen aus anderen Lebensmilieus kommen zu Wort.
Die Frauen haben in den letzten 150 Jahren die Hauptlast der arbeitsintensiven und nur wenig technisierten Landwirtschaft getragen. Während ihre Männer in Werkstätten, Steinbrüchen, Fabriken und im Wald tätig waren, haben sie die Ernährung der Familie sichergestellt. Sie haben gehackt, geerntet und gemolken und ganz nebenbei gekocht, gewaschen und geputzt sowie ihre Kinder erzogen und die Alten gepflegt. Wie eine alte Lippoldsbergerin formulierte: Die Arbeit nahm kein Ende (Schäfer 1983, S. 69) und ging vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht. Spätestens mit 50 Jahren hatten sich die Frauen krumm und schief gearbeitet. Nicht wenige starben schon in jungen Jahren.
Das entbehrungsreiche Schicksal unserer Mütter und Großmütter, das den kleinen Wohlstand vieler Familien in der Nachkriegszeit erst möglich gemacht hat, ist heute schon fast vergessen. Meine Arbeit soll deshalb die Lebenserfahrungen dieser geduldigen Frauen, ihre besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten für nachfolgende Generationen bewahren, aber auch den Zeitzeuginnen selbst ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in Erinnerung rufen.
Die Publikation und die zeitgleich vorbereitete Ausstellung basiert auf ca. 50 biografischen Interviews, die ich im Jahre 2009 mit Frauen aus drei Generationen im Raum Uslar geführt habe. Die Gespräche habe ich mit einem Kassettenrekorder aufgenommen und wörtlich abgeschrieben. Die so erhaltenen Lebensberichte sind ein sozialhistorischer Schatz. Sie helfen uns, nicht nur das Sozialverhalten von Frauen, sondern auch unsere Geschichte zu verstehen. Im vorliegenden Buch kommen die von mir befragten Frauen aus dem Solling ausführlich selber zu Wort. Sie gewähren uns Einblicke in ihr Leben als Kinder, Jugendliche, Mütter und Großmütter und erzählen oft auch von der mündlichen Überlieferung innerhalb der Familie. Der Untersuchungszeitraum umfasst somit das gesamte 20. Jahrhundert und ragt bis in unsere jüngste Vergangenheit hinein.
Meine Gesprächspartnerinnen waren gerne bereit, aus ihrem Leben zu erzählen, obwohl sie eigentlich gar nichts Besonderes mitzuteilen hätten. Einer Frau, die zunächst von ihrer Mutter sagte, sie sei nur zu Hause gewesen, fiel im Laufe des Gesprächs ein, dass diese zusätzlich zwei große Gärten, Tagelohn bei zwei Bauern und die Wäsche für mehrere städtische Haushalte bewältigt hatte. Manche Geschichten müssen erst ausgesprochen und niedergeschrieben werden, damit sie die ihnen gebührende Wertschätzung erfahren!
Besonders interessiert haben mich folgende Fragen:
Wie wurden Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Bäuerin vorbereitet?
Wie haben sie ihre hohen Arbeitsbelastungen bewältigt?
Welche Fertigkeiten und Kenntnisse brauchten sie im Alltag?
Welchen Zwängen waren sie im Dorf und in der Familie ausgesetzt?
Hatten sie Träume von einem anderen Leben?
Wie beurteilen sie die gegenwärtigen Veränderungen im Dorf,
in der Familie und im Berufsleben der Frauen?
Eingebunden in die ungeschriebenen Gesetze von Familie und Dorf hatten die Frauen kaum Entscheidungsfreiheiten bei der Berufswahl und waren oft auch in ihrer Partnerwahl nicht frei. Ganz selbstverständlich wuchsen sie in ihre Rolle hinein. Als Mädchen bekamen sie schon feste Aufgaben zugeteilt, als Jugendliche blieben sie entweder als geringfügig bezahlte Arbeitskraft auf dem elterlichen Hof oder sie verdingten sich als Mägde bzw. Dienstmädchen. Als Erwachsene bewältigten sie zusätzlich zur Garten-, Stall- und Feldarbeit noch den aufwändigen Haushalt, manchmal sogar noch eine Arbeit in der Fabrik. Diese selten hinterfragten Frauenbiografien in unserer ländlich-kleinstädtisch strukturierten Region blieben trotz beginnender Technisierung bis in die 1960er Jahre nahezu unverändert. Erst mit dem Einzug städtischer Lebensformen, hervorgerufen durch eine erhöhte Mobilität sowie bessere schulische und berufliche Bildungs- und Erwerbsmöglichkeiten, haben sich die Lebensentwürfe und die Lebenswirklichkeit der Frauen auf dem Lande verändert.