"Middle of the Night" von Riley Sager ist ein psychologisch geprägter Thriller, der sich bewusst Zeit nimmt und seine Wirkung vor allem über Atmosphäre und innere Spannung entfaltet. Im Mittelpunkt steht Ethan Marsh, der Jahrzehnte nach dem rätselhaften Verschwinden seines besten Freundes in seine alte Nachbarschaft zurückkehrt. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig in Erinnerungen, unausgesprochenen Schuldgefühlen und in seltsamen nächtlichen Beobachtungen, die den Schlaf rauben.
Die Geschichte lebt weniger von rasanten Wendungen als von einer stetig wachsenden Unruhe. Die ruhige Vorstadt, die einst Sicherheit versprach, wirkt plötzlich beklemmend und voller Lücken. Riley Sager spielt geschickt mit der Frage, wie verlässlich Erinnerungen sind und ob die Grenze zwischen Realität und Einbildung verschwimmt. Genau dieser schwebende Zustand sorgt für eine konstante, unterschwellige Spannung.
Die Figuren wirken glaubwürdig und menschlich, allen voran Ethan, dessen innere Zerrissenheit gut nachvollziehbar ist. Allerdings verlangt der Erzählstil Geduld: Manche Passagen ziehen sich etwas, und nicht jede Entwicklung überrascht. Wer einen actionreichen Thriller erwartet, könnte enttäuscht sein.
Wer sich jedoch auf eine ruhigere, psychologisch dichte Geschichte einlässt, bekommt einen stimmungsvollen Thriller, der nachhallt und mehr auf Atmosphäre als auf Effekte setzt. "Middle of the Night" ist damit kein lauter Pageturner, sondern ein leises, dunkles Gedankenspiel für lange Abende.