In ihrem neuesten Werk Der Gautenthron hat Sylvia Koppermann wieder einmal bewiesen, welch wunderbare Gabe fürs Schreiben sie hat. Obwohl Zeit und Handlungsort des Buches (Skandinavien im 6. Jhd.) nicht zu meinem literarischen Beuteschema passen, habe ich mich für die Reise dorthin entschieden. Warum? Zum einen, weil ich durch Frau Koppermanns Buch Der Nornen Knoten weiß, dass ich ihre Art, Geschichten zu erzählen, sehr mag. Zum anderen, weil ich zwar den Namen Beowulf gehört habe - mehr aber auch nicht. Und da sich mein Auge auch immer von besonderen Covern leiten läßt, war auch dies ein guter Grund für mich, zum Gautenthron zu greifen. Das Ergebnis: Ich bin so schnell in die Handlung abgetaucht und fühlte mich mitgerissen von den Personen und Geschehnissen, dass Zeit und Ort nach den ersten Seiten zur Nebensache wurden und ich einfach nur noch wissen wollte, wie es weitergeht. In den ersten Kapiteln tauchen viele Personen und Orte auf, teils auch aus der Vergangenheit, und es fühlt sich noch an wie ein Haufen einzelner Fäden. Dank eines ausführlichen Personenregisters, Stammbäumen und Karten kann man aber gut die Übersicht behalten. Und alles findet dann zusammen, aus Fäden wird ein Stoff, welcher den Weg des Kindes Wulf hin zum König wider Willen Beowulf abdeckt. Eindringlich, aber nie ausufernd beschreibt die Autorin vermeintliche Schwächen eines an sich selbst zweifelnden Heranwachsenden, und wie eine Gemeinschaft zusammenwächst, die sich über Landesgrenzen hinaus einen Ruf erkämpft. Sie stellt einen Beowulf dar, der vielleicht nicht dem bekannten Heldenepos entspricht, aber dafür umso menschlicher und realistischer erscheint. Das ist für mich in einem historischen Roman einer der wichtigsten Punkte: das Geschriebene erzählt eine Geschichte, die genau so hätte passiert sein können! Sie ist stimmig, überzeugend und sehr genau recherchiert! Sylvia Koppermann hat ihren ganz eigenen Schreibstil, mit dem sie Bilder im Kopf entstehen läßt und Emotionen aufs Papier bringt. Ihre Sprache ist immer Zeit, Ort und Gepflogenheiten angepasst, was mich quasi zur Beteiligten am Geschehen macht. Kurze Sätze schaffen es mit den richtig gewählten Worten, alles auf den Punkt zu treffen. Komplexe Sätze, oft benutzt, um Schlachtszenen oder kritische Momente in der Handlung zu beschreiben, spiegeln dadurch Tempo- und Actionreiche Abläufe wider. Aber auch die leisen, emotionalen Situationen weiß die Autorin so einfühlsam zu beschreiben, dass mir so manches Mal ein Kloß im Hals sitzt. Wie gesagt: man ist immer mitten drin im Geschehen. Manche Charaktere mag man, andere findet man von unsympathisch bis abscheulich, weil sie so bildhaft beschrieben sind, dass man sie fühlen kann. Und dann ist da dieses emotionale Ende, ohne große Worte, aber genau deshalb in seiner Schlichtheit so berührend. Eine ganz klare Leseempfehlung für alle, die gut recherchierte und mitreißend geschriebene Romane bevorzugen.