Prag im Januar. Schneeregen gegen die Kastenfenster, ein Altbau in Vinohrady, ein Briefkastenschild mit einem Namen, der ihr nicht gehört. Seit zwei Monaten lebt Elena in dieser Stadt, in der niemand weiß, wer sie ist. Tagsüber funktioniert sie, jedes Wort abgewogen, jede Stunde verplant. Heute Abend nicht. Heute Abend gehört die Nacht ihr. Kerzen, Seide, die eigene Haut. Zum ersten Mal seit Wochen lässt sie los, und sie ist alles andere als leise. Dann klopft es an ihrer Tür. Draußen steht der Nachbar von gegenüber. Der Mann, dessen Blicke im Treppenhaus immer ein paar Sekunden zu lang waren, um Zufall zu sein. Er entschuldigt sich nicht. Er drängt nicht. Er sagt nur, dass er sie gehört hat, und er nennt sie bei einem Namen, den er nur vom Briefkasten kennen kann. Sie müsste die Tür schließen. Die Frau, die sie tagsüber ist, würde es tun. Aber die Frau auf dem Briefkastenschild hat keine Vergangenheit und keine Verpflichtungen. Die Frau auf dem Briefkastenschild kann tun, was sie will. Und die Kette ist schnell ausgehängt.