In Genie und Wahnsinn untersucht Oskar Panizza die prekäre Grenzzone zwischen schöpferischer Ausnahmebegabung und psychischer Abweichung. Der Text steht im Kontext der nervösen Moderne des späten 19. Jahrhunderts, in der Psychiatrie, Ästhetik und Kulturkritik einander durchdrangen. Panizzas Stil verbindet gelehrte Argumentation, polemische Schärfe und eine unruhige, aphoristische Prosa; er fragt weniger nach beruhigenden Diagnosen als nach den Bedingungen, unter denen Gesellschaft das Außerordentliche als krankhaft deutet. Panizza, 1853 geboren, war Arzt, Psychiater und einer der radikalsten Satiriker des deutschen Fin de Siècle. Seine medizinische Ausbildung, seine Erfahrungen in psychiatrischen Einrichtungen sowie seine konfliktreiche Stellung gegenüber Kirche, Staat und bürgerlicher Moral prägen die Perspektive dieses Buches. Eigene Verfolgungserfahrungen und spätere psychische Krisen verleihen seinen Überlegungen eine besondere, bisweilen beklemmende Dringlichkeit. Empfohlen sei Genie und Wahnsinn allen Leserinnen und Lesern, die sich für Literatur, Ideengeschichte und die Frühgeschichte moderner Psychiatrie interessieren. Das Buch ist kein neutraler Traktat, sondern ein provokantes Dokument intellektueller Selbstbefragung: scharf, unbequem und erhellend für das Verständnis jener Moderne, die Kreativität zugleich bewundert und pathologisiert.