Mit dem "Reisehandbuch Schottland" legt Magda Lehnert bei Reisedepeschen einen Reiseführer vor, der weit mehr sein möchte als eine Sammlung von Sehenswürdigkeiten und Übernachtungstipps. Das Buch versteht Schottland als Erfahrungsraum: als Landschaft, die man langsam entdeckt, durchwandert und auf sich wirken lässt.
Diese Haltung überrascht nicht. Lehnert ist Journalistin, Fotografin und Gründerin des Online-Magazins Wanderfolk. Ihre besondere Nähe zur Natur prägt jede Seite dieses Reisehandbuchs. Statt Schottland als Abfolge touristischer Highlights zu präsentieren, nähert sie sich dem Land über Landschaften, Wanderungen, Literatur, Geschichte und persönliche Begeisterung.
Meine Meinung
Beim Durchblättern war ich sofort an meinen eigenen Schottland-Urlaub vor einigen Jahren zurückversetzt. Viele der Orte, die wir damals besucht haben, tauchen im Buch auf. Andere wiederum fehlten, was angesichts der schieren Vielfalt des Landes kaum vermeidbar ist.
Was mir aber sofort auffiel: Dieses Handbuch ist außergewöhnlich liebevoll gestaltet. Das beginnt bereits beim Aufbau. Das Inhaltsverzeichnis am Anfang ermöglicht einen schnellen Überblick, während der umfangreiche Index am Ende dabei hilft, gezielt einzelne Regionen oder Themen wiederzufinden. Man merkt, dass hier jemand sehr genau darüber nachgedacht hat, wie unterschiedliche Informationsbedürfnisse zusammengeführt werden können. Überhaupt ist Orientierung eine der großen Stärken des Buches. Trotz der Fülle an Informationen wirkt nichts überladen. Die Kapitel greifen sinnvoll ineinander, Karten, Tipps und Hintergrundinformationen ergänzen sich, statt miteinander zu konkurrieren.
Besonders begeistert haben mich auch die Fotografien. Die Bilder transportieren genau jene Mischung aus Wildheit, Melancholie und Schönheit, die viele Menschen mit Schottland verbinden. Gemeinsam mit den literarischen Empfehlungen, Festivaltipps, Wanderinformationen und zusätzlichen Angeboten wie der Spotify-Playlist entsteht das Gefühl, nicht bloß einen Reiseführer, sondern ein kuratiertes Reiseerlebnis in Händen zu halten.
Inhaltlich folgt das Buch einer klaren Idee: Schottland wird nicht primär als touristische Destination verstanden, sondern als Landschaft, die erlebt werden möchte. Das zeigt sich beispielsweise in der ausführlichen Würdigung der Schriftstellerin Nan Shepherd. Ihr Satz To aim for the highest point is not the only way to climb a mountain." wird zum programmatischen Leitmotiv des gesamten Buches (S. 64). Nicht das Erreichen eines Ziels steht im Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie man unterwegs ist.
Diese Haltung zieht sich durch viele Kapitel. Lehnert beschreibt Orte selten als Sehenswürdigkeiten, die man abhaken sollte. Stattdessen lädt sie dazu ein, langsamer zu reisen, genauer hinzusehen und Landschaften auf sich wirken zu lassen. Gerade dadurch unterscheidet sich das Buch von vielen klassischen Reiseführern, die oft einer Logik der Optimierung folgen: möglichst viel sehen, möglichst effizient reisen, möglichst viele Highlights mitnehmen. Hier geht es eher um das Gegenteil.
Gleichzeitig bleibt das Handbuch erfreulich praktisch. Neben Inspiration bietet es konkrete Hilfestellungen für die Reiseplanung, Wanderungen, Unterkünfte und regionale Besonderheiten. Das Buch erfüllt somit sowohl die Funktion eines Lesebuchs als auch die eines klassischen Reisehandbuchs.
Dennoch gibt es einige Punkte, die mir gefehlt haben. Besonders auffällig war für mich das Fehlen stärkerer lokaler Perspektiven. Während Landschaften und Orte ausführlich beschrieben werden, kommen Menschen vergleichsweise selten zu Wort. Gerade Reisedepeschen hat in anderen Handbüchern etwa beim Reisehandbuch Inseln Thailand gezeigt, wie bereichernd Geschichten von Einheimischen, Reisenden oder lokalen Initiativen sein können. Solche Perspektiven hätten das Bild Schottlands noch vielschichtiger gemacht und dem Land zusätzliche soziale Tiefe verliehen.
Ein weiterer Punkt betrifft die Thematisierung von Harry Potter und J.K. Rowling. Das Buch verweist mehrfach auf die literarischen und filmischen Bezüge der Reihe. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, schließlich gehört Harry Potter längst zur touristischen Identität vieler schottischer Orte. Gleichzeitig hätte ich mir zumindest eine kurze kritische Einordnung gewünscht. Angesichts der seit Jahren geführten Debatten um Rowlings transfeindliche Positionen wirkt die vollständige Ausblendung dieser Kontroversen auf mich sehr irritierend. Gerade weil das Buch an mehreren Stellen auf Harry Potter Bezug nimmt, wäre eine Kontextualisierung sinnvoll gewesen und hätte ich mir von dem Verlag erwartet, um die gesellschaftliche Realität abzubilden, die heute untrennbar mit dem Namen der Autorin verbunden ist.
Auch beim Thema Nachhaltigkeit bleibt das Buch etwas hinter meinen Erwartungen zurück. Reisedepeschen steht wie kaum ein anderer Reisebuchverlag für entschleunigtes und bewusstes Reisen. Umso mehr hätte ich mir zusätzliche Informationen zu klimafreundlichen Mobilitätsformen gewünscht. Wanderungen spielen erfreulicherweise eine große Rolle, doch Hinweise auf Zugreisen, Radreisen oder autofreie Routen hätten das Konzept sinnvoll ergänzt.
Ähnliches gilt für veganes Reisen. Zwar ist Schottland sicherlich kein Land, das sofort für seine vegane Küche bekannt ist. Gleichzeitig haben wir während unseres Aufenthalts überraschend viele vegane Angebote entdeckt. Darunter sogar vegane Varianten von Haggis. Solche Hinweise hätten insbesondere für vegane Reisende einen echten Mehrwert dargestellt.
Fazit
Wer eine Schottlandreise plant, erhält hier nicht nur praktische Orientierung, sondern auch Inspiration und Hintergrundwissen. Gleichzeitig bleibt Raum für Weiterentwicklungen: Mehr lokale Stimmen, eine kritischere Einordnung kultureller Referenzen sowie stärkere Hinweise auf nachhaltige und vegane Reisemöglichkeiten hätten das Buch noch zeitgemäßer gemacht. Dennoch bleibt das Handbuch eine klare Empfehlung für alle, die Schottland nicht einfach besuchen, sondern wirklich erleben möchten. Vielen Dank an Reisedepeschen für das Rezensionsexemplar.