"Parasiti" von Alisha Gamisch war mir bis jetzt entgangen, erst die Platzierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises hat mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht. Glück für mich!
Rina, ihre Tante Valli leben gemeinsam mit Oma Lydia in Fürstenfeldbruck. Eines Tages finden sie in ihrem Briefkasten einen Brief von Abtreibungsgegnern, dabei liegt ein kleiner Plastikembryo. Und ab diesem Tag spricht Lydia mit niemandem mehr. Rina versucht mehr herauszufinden, stößt aber zunächst gegen eine Mauer aus Schweigen. Erst nach und nach enthüllt sich, erzählt aus den Perspektiven der Frauen, die Geschichte der Familie. Baracken im Novosibirsk der 60er, ein Auffanglager für Aussiedler der 70er und schließlich die Gegenwart in Fürstenfeldbruck lassen und die Geschichte russlanddeutscher Frauen miterleben.
Sehr oft ist mir bei der Lektüre dieses Romans ein Satz einer ehemaligen (russlanddeutschen) Kollegin durch den Kopf gegangen: "Egal wo wir sind, wir sind immer Ausländer. In Russland sind wir Deutsche, in Deutschland sind wir Russen". Und genau diese Äußerung trifft den Kern dieses Romans. Wir erleben aus den Perspektiven der drei Frauen und ihrer Schicksale das Gefühl von Fremde. Besonders berührt hat mich hier Lydias Geschichte, der Ältesten der drei Frauen. Und diese Geschichte zeigt, welche Auswirkungen Erlebnisse auch auf nachfolgende Generationen haben. Auf Lydias Erfahrungen nach einem Schwangerschaftsabbruch folgen Handlungen. Diese Handlungen haben Auswirkungen bis in die Gegenwart. Wir erfahren viel über das Leben von Lydia, ein Leben mit ihrer Tochter und der Ziehtochter, die sie nie wollte., dem Jelenakind. Die drei Protagonistinnen erzählen in der Ich-Form, was uns ihre Gefühle sehr nahebringt und berührt. Jede in ihrer Zeit, die Zeit ist unterschiedlich, trotzdem gibt es Wiederholungen innerhalb der Perspektiven. Sich in die Situationen der drei Frauen einzulesen, ist bereichernd und lehrreich. Der Roman lässt sich flüssig lesen und entwickelt mit der Zeit einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Auch wenn man kein Russisch kann, hemmt es den Lesefluss kaum, befindet sich doch am Ende des Romans ein umfangreiches Glossar, das auch Begriffe erläutert, die sich nicht aus dem Zusammenhang ergeben.
Ein Roman, der zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und auch definitiv zu meinen Favoriten zählt! Absolute Leseempfehlung und verdiente 5 Sterne!