Stellas Seele hat schon mehrere Seelenwanderungen hinter sich und sie kann sich an Vergangenes erinnern, während sie ihr neues Leben zu verarbeiten versucht. Dabei vereint das Buch autobiografische Elemente zusammen mit Fantasie und Mystik, wobei große philosophische Fragen über Gott, Wiedergeburt, Schicksal, Erinnerung und die Suche nach dem eigenen Ursprung in Angriff genommen werden.
"Willkommen in der Schule des Lebens, doch was heißt das? Jedes Individuum, welches geboren wird, hat eine Seele. Für jede Seele, oder auch jeden Geist, beginnt das Spektakel mit der Geburt in dieser Welt. Was für eine Aufgabe wir von Gott zugeteilt bekommen, wissen wir nicht. Zeit unseres Lebens werden wir uns auf den Weg machen, um unsere Aufgabe zu suchen."
Die Handlung beginnt nicht in der Gegenwart, sondern führt zunächst in ein früheres Leben der Protagonistin. Als junge Adelige erlebt sie die gesellschaftlichen Spannungen kurz vor der Französischen Revolution. Ihr Mitgefühl und ihr Wunsch nach Gerechtigkeit bringen sie schließlich in große Gefahr. Nach ihrem Tod setzt die Geschichte auf einer anderen Ebene fort: Die Seele durchläuft eine Zwischenphase und kehrt schließlich 1968 in der DDR in einem neuen Leben zurück. Dort erlebt das Kind Stella zunächst Vernachlässigung, Unsicherheit und emotionale Kälte, bevor sie bei ihren Großeltern an der Ostsee ein Stück Geborgenheit findet. Gleichzeitig beginnen Träume und Visionen vergangener Existenzen an die Oberfläche zu dringen und werfen Fragen auf, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden.
Besonders beeindruckend ist die emotionale Offenheit, mit der die Autorin ihre Geschichte erzählt. Viele Szenen wirken authentisch und berührend, vor allem die Schilderungen der Kindheit sowie deren Verarbeitung auf der Ebene der Seele. Die Mischung aus Erinnerungen, Familiengeschichte und spirituellen Erfahrungen verleiht dem Roman eine ganz eigene Atmosphäre. Unterstützt wird dieser persönliche Eindruck durch Fotos und selbst gestaltete Illustrationen, die das Gelesene zusätzlich greifbar machen. Der Schreibstil ist detailliert und bildhaft, manchmal jedoch auch etwas ausschweifend und träge. Man wird sachte und gediegen durch die mehr als 500 Seiten getragen, was sich zeitweise wirklich streckt, wodurch ich das Buch jederzeit aus der Hand legen konnte und der Spannungsbogen minimal ist.
Die Erzählung springt zwischen verschiedenen Zeiten, Ebenen und Perspektiven, was einerseits die Vielschichtigkeit der Geschichte unterstreicht, andererseits gelegentlich den Lesefluss verlangsamt. Es kann schon verwirrend werden und auch wenn das Buch für jede Person eine Bereicherung sein könnte (Betonung liegt auf "könnte"), ist es sehr speziell und wird nicht jedem gefallen. Man wird viel mit Gott und Seelenwanderungen konfontiert und ich habe das Buch gerne gelesen, selbst wenn ich selbst an das ganze Thema nicht glaube. Auch die starke spirituelle Ausrichtung dürfte nicht jeden gleichermaßen ansprechen. Wer sich für solche Fragen interessiert, findet hier viele Denkanstöße. Wer dagegen einen klassischen Roman erwartet, könnte mit einigen Passagen weniger anfangen.
Dennoch gelingt es der Autorin, eine besondere Verbindung zur Hauptfigur aufzubauen. Die Geschichte wirkt ehrlich, mutig und sehr persönlich. Sie regt zum Nachdenken an und macht neugierig darauf, wie sich Stellas Weg in möglichen folgenden Bänden weiterentwickeln wird. Wer also das Buch in die Hand nimmt, muss mehr denn je den Klappentext lesen und schauen, ob dieses Thema einen anspricht oder nicht. Wenn man nur einen Hauch von Zweifel feststellt, sollte man es wieder beiseite legen, denn die Autorin schildert genau, worum es geht. Alle anderen werden diese Lebenswege vereint in einer Person genießen könne.
Insgesamt haben wir einen ungewöhnlichen Roman vor uns liegen, der sprituelle Fragen behandelt, und bei dem man merkt, wie viel Arbeit, Mühe und Selbstverwirklichung drin steckt!