m Jahr 2008 steht Island am Rande des wirtschaftlichen Zusammenbruchs: Die Banken wanken, die Börse crasht und die Gesellschaft gerät aus den Fugen. In genau dieses Chaos platziert Halldór Armands Roman seine beiden Protagonisten: den gutmütigen Müllmann Gómur Barðdal und seinen dichtenden Cousin Geir Norrðann. Als Gómur in einem Abfallcontainer eines luxuriösen Herrenhauses in Reykjavik eine abgetrennte menschliche Nase entdeckt, ergreifen sie die Initiative. Da die Polizei mit der Bewältigung der Finanzkrise völlig überlastet ist, machen sich die beiden auf die Suche nach der Besitzerin der Nase und stolpern dabei unweigerlich in eine Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise der isländischen Finanzelite reicht. Bald wird klar: Die Nase ist bei weitem nicht das größte Problem.
Die Schreibweise des Autors ist flüssig und mitreißend, auch wenn die langen, klangvollen isländischen Namen anfangs eine kleine Hürde darstellen. Abgesehen davon flog ich regelrecht durch die 257 Seiten. Der Titel und das Cover suggerieren einen klassischen Thriller, was mich anfangs etwas irritierte. Es ist für mich ein literarischer Roman mit satirischem Einschlag; der Kriminalfall baut sich sehr langsam auf und wird von vielen anderen Themen unterbrochen. Der Humor ist absolut schwarz, zynisch und großartig pointiert ich musste an vielen Stellen laut lachen. Besonders beeindruckend ist, wie der Autor völlig unterschiedliche Elemente von Giraffen und Puzzeln über Verschwörungstheorien bis hin zu Dichtkunst und der Erfindung von Bitcoin zu einer absolut logischen Geschichte webt.
Was das Buch besonders interessant macht, ist, wie es verschiedene Stränge offen hält und der Leser*In viel Raum für Interpretation lässt. So wird die Verbindung zwischen der modernen Incel-Szene und der isländischen Klassik aufgeworfen. Auch die Fette-Jesus-Theorie wird als satirischer Spiegel geschrieben, der die Leser*In dazu anregen soll, die Grenzen zwischen Heiligkeit, Kommerz und Gesellschaftskritik selbst zu hinterfragen.
Es gibt viele Sätze, die so pointiert sind, dass man sie gerne als Nachdenkkarten ausdrucken möchte. Zitate wie die Aussage, dass nur gelangweilte Menschen Revolutionen anzetteln oder dass Wetter reine Ansichtssache ist, bleiben lange im Gedächtnis. Die isländische Kultur und Mentalität werden dabei grandios und authentisch rübergebracht es sind oft die kleinen Details, die die Geschichte perfekt abrunden.
Ein absolut grandioses, unterhaltsames und intelligentes Buch von einer der schärfsten Stimmen der isländischen Literaturszene. Wer auf der Suche nach einem Thriller ist, wird hier vielleicht enttäuscht, wer aber satirische Gesellschaftskritik mit schwarzem Humor liebt, kommt hier voll auf seine Kosten.