In einer vielleicht nicht ganz so entfernten Welt herrscht die "Große KI", welche beschlossen hat, dass sämtliche Einwohner einen Winterschlaf halten müssen. Damit soll Energie eingespart und die Zeit effektiver genutzt werden. Doch die Protagonistin Isa erwacht zu früh und wird in ein Hotel gebracht, um dort mit Gleichgesinnten die Zeit bis zum Erwachen zu verbringen. Für den Zeitvertreib lässt sie sich einen Nanochip implementieren, mit dem sie in ein Virtual Reality-Spiel eintauchen kann. Darin ist sie Teil einer Kolonie auf dem Mars und hat dort die Aufgabe, ein Rätsel zu lösen. Da die Autorin Simone Weinmann promovierte Astrophysikern ist, hatte ich mich auf ein spannendes Szenario mit glaubwürdigem Background und Fakten gefreut.
Bereits das Cover ist ein echter Hingucker. Das Material des Schutzumschlags ist texturiert und wirkt damit besonders hochwertig. Die illustratorische Gestaltung des Covers wirkt simpel, aber doch aufmerksamkeitserregend.
Der kurze Roman startet spannend direkt mit der ausschlaggebenden Szene des Erwachens Isas. Daraufhin wird sie ins Hotel gebracht und damit verliert der Roman leider etwas die anfängliche Spannung und Geschwindigkeit. Was folgt ist eine eher objektive Aneinanderreihung der Tage im Hotel. Mir fehlte die Tiefe der verschiedenen Charaktere. Diese definierten sich hauptsächlich über ihre Berufe, mehr hat man jedoch kaum erfahren. Auch Isa war für mich eher eine charakterlose Hülle, die gerade alles durchlebt. Ich konnte mich nur schwer in sie reinversetzen und ihre Entscheidungen nachvollziehen. Da fehlte mir einfach die Tiefe und genauere Beschreibungen ihrer Gefühlslage. Was mir jedoch äußerst gut gefallen hat, ist die Vermischung des VR-Spiels mit der Realität. Nicht nur für Isa war nicht mehr klar, was nun echt und was VR ist. Auch als Leser wird es schwer, diese Grenze in den Kapiteln noch klar zu erkennen. Die Expedition auf dem Mars war eine super interessante Geschichte in der Geschichte. Hier hätte ich mir etwas mehr astrophysikalisches Hintergrundwissen erhofft.
Der Klappentext versprach eine Entwicklung Isas und kritische Auseinandersetzung mit der KI. Trotz super interessantem Setting erkannte ich leider keine große Entwicklung der Protagonistin. Viele Punkte wurden einfach als gegeben angenommen und von den Charakteren im Buch nicht hinterfragt. Diese Aufgabe lag alleine beim Leser. Leider sind dadurch für mich auch ein paar Logiklücken entstanden. Zum Beispiel ist es verboten, das Hotel zu verlassen. Trotzdem verlässt Isa das Hotel mehrfach ohne Konsequenzen. Auch Isas Rebellion gegen die KI fiel meiner Empfindung nach nicht so ins Gewicht wie angekündigt.
Zusammenfassend war "Im Winterschlaf besuche ich den Mars" für mich ein Roman mit total spannendem Setting, dem leider etwas der Umfang fehlte. Ich hätte mir mehr Tiefe, mehr Worldbuilding und mehr Gefühle der Protagonistin erhofft. Hierfür reichten die 224 Seiten einfach nicht aus. Gerne wäre ich noch länger in die Welt eingetaucht, wenn der Roman länger gewesen wäre. Trotzdem war das Buch ein interessanter Zeitvertreib und ein tolles Gedankenexperiment, das ich gerne gelesen habe.