Tamara nimmt sich das Leben. Ihre Tochter Marie kann nicht weinen. Sie hatte Tamara schon vorher verloren. Die Mutter war immer abwesend, anwesend war nur die Leerstelle, gefüllt mit Schmerz, Wut, Schweigen. Die Künstlerin Tamara ging nach Berlin, raus aus der Enge des Ruhrgebiets, dorthin, wo sie sich selbst neu erfinden konnte.
Marie lebt mit Simon und Tochter Paula in der Lausitz, doch das Heim zeigt Risse. Die Verletzungen wirken fort, das Schweigen droht das Vertrauen der eigenen Tochter zu zersetzen.
Um zu verstehen und sich selbst und ihrer Tochter eine Zukunft zu ermöglichen, begibt sich Paula auf eine Reise in die Vergangenheit, nach Gelsenkirchen und Berlin, zu den Menschen, die sie einst selbst ohne Erklärung zurückließ.
Leise nähert sich Marie der Frau, die ihre Mutter war, beginnt, ihre Kunst mit anderen Augen zu betrachten. Langsam entsteht das Bild einer Frau, die die eigene Herkunft mit Acrylfarbe übermalte und selbst so viele Verletzungen in sich trug, dass sie auf die Bedürfnisse ihres Kindes nicht eingehen konnte.
Sarah Meyer-Dietrich schreibt mit feinem Gespür für die Zustände der Seele, spiegelt sie in der Farbsymbolik der Kunst.
Das Licht begleitet, verändert seinen Charakter, wird Lebenselexier. Für den Vater, den Bergmann unter Tage, für Marie, die sich nach einem lichtdurchfluteten Ort zum Ankommen sehnt.
Gerade ihre Brüche sind es, die die Figuren so glaubhaft werden lassen. Es ist fast unmöglich sich dem Sog ihrer wunderbar unlogischen, hoffnungs- und sehnsuchtsvollen Menschlichkeit zu entziehen.
Mit kraftvollen Bildern erzählt Sarah Meyer-Dietrich von gesellschaftlichen Prägungen, der Wirkung politischer Systeme im Privaten, Lebensumständen und Traumata, der Suche nach Freiheit und dem unbedingten Willen zur Heilung.
Tamara, bei Licht betrachtet ist hochkarätige Unterhaltungsliteratur, die tief in zwischenmenschliche Beziehungen eintaucht. Der Roman erzählt von Müttern und Töchtern, der heilenden Kraft der Kunst und nähert sich Schicht um Schicht der Antwort auf die Frage, wie wir werden, wer wir sind.