Es sollte ein unbeschwerter Familienausflug werden, als das autonome Fahrzeug von Familie Cassidy-Shaw mit einem entgegenkommenden Wagen kollidiert. Die Cassidy-Shaws werden nur leicht verletzt, die beiden Insassen des anderen Autos sterben. Nun stellt sich die Frage nach Verantwortung und Schuld: Am Steuer saß der 17-jährige Charlie. Sein Vater, der rechtlich gesamtschuldnerisch mithaftet und auf dem Beifahrersitz saß, arbeitete am Laptop. Auch die Mutter nutzte die Fahrt zum Arbeiten. Wer kann nun für den Unfall haftbar gemacht werden? Der Fahrzeughersteller, der Fahrer oder der Vater?
Auch wenn aktuell in den USA und Europa noch keine autonomen Level-4-Fahrzeuge wie der fiktive SensTrek aus dem Roman auf allen Straßen zugelassen sind (insbesondere nicht in Delaware, wo der Roman spielt), wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis dies Wirklichkeit wird. Die rechtlichen, moralischen und ethischen Fragen, die sich aus dem Einsatz von KI in sicherheitsrelevanten Bereichen ergeben, finde ich hochspannend, und ich war sehr neugierig, wie der Autor Bruce Holsinger das in seinem Roman aufgreifen würde.
Aufgrund der sehr positiven Kritiken in den USA hatte ich sehr hohen Erwartungen an das Buch, die sich letztendlich nicht erfüllt haben. Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den oben genannten Fragen findet leider nicht statt. Die Geschichte wird aus Sicht von Vater Noah erzählt, einem eher durchschnittlichen Anwalt, der Minderwertigkeitskomplexe gegenüber seiner Frau Lorelei hat, ständig überfordert wirkt und vor allem Mitleid mit sich selbst und seiner Familie hat. Er verliert sich immer wieder in der Beschreibung von Äußerlichkeiten, etwa wenn er selbst verzückt ist von der Schönheit seines muskulösen, sportlichen Sohnes oder seiner Frau, dass es mich zunehmend nervte. Warum der Autor ausgerechnet Noahs Perspektive gewählt hat, ist mir schleierhaft. Ich hätte Charlies oder Loreleis Blickwinkel wesentlich interessanter gefunden.
Lorelei ist eine preisgekrönte Professorin und international gefragte Expertin im Bereich Algorithmische Ethik und Informatik. Diese fachliche Exzellenz bleibt im Roman jedoch bloße Behauptung, auch wenn einige Kapitel mit Zitaten aus einem von ihr verfassten Buch enden. Ihr moralischer Kompass versagt erstaunlich schnell, wenn es um ihre eigene Familie geht. Als Figur bleibt sie blass und entspricht dem Klischee der neurotischen, etwas lebensfremden Wissenschaftlerin.
Insgesamt bietet dieser Roman sicher eine gute Ausgangsbasis für eine Diskussion rund um KI-Systeme, verschenkt aber meiner Meinung nach viel Potential.