Inhalt:
Die 19-jährige Odette ist ganz allein auf der Welt, arbeitslos und wohnt in einer Notunterkunft. Weil ihre labile, wütende sowie misstrauische Mutter sie weitestgehend isoliert hat, wurde Odettes Denken stark von ihr geprägt. Nun versucht sie sich von den Schatten ihrer Erziehung zu befreien. Sie will alles richtig machen, liest Selbsthilfebücher und sehnt sich nach einem lebenswerten Dasein. Sie ist klug, aber sozial ungeschickt, fast kindlich naiv und hat ständig Angst, anzuecken. Als sie den Rentner Amos kennenlernt, freundet sie sich mit ihm an, denn er ist geistreich und freundlich, während Gleichaltrige sie nur verspotten. Die beiden starten einen Social-Media-Kanal, der sehr erfolgreich wird doch dann passiert während eines Livestreams etwas Entsetzliches.
Die Handlung findet auf zwei Zeitebenen statt: In der Gegenwart verfolgt man die interessanten Ermittlungen, die ein feinfühliger Polizist leitet. In der Vergangenheit erfährt man, wie Odette Amos kennenlernte, wie sich ihre Freundschaft entwickelte und wie es zu dem aufsehenerregenden Vorfall kam.
Meine Meinung:
Ich fand das Buch bis kurz vor dem Ende großartig, aber die Auflösung hat mich enttäuscht. Der Klappentext und ein Großteil der Erzählung bauen eine Ausgangslage auf, die sich am Ende nicht wirklich bestätigt. Es geht lediglich um die plausible Interpretation eines Livestreams, dabei ist die Situation im Grunde nicht eindeutig. Das hat für mich die Glaubwürdigkeit der Ermittlungen und die Dramaturgie stark geschwächt, sodass dieser Spannungsroman zum Schluss nur noch effekthascherisch auf mich wirkte.
Odettes Innenleben wird so greifbar beschrieben, dass ich automatisch mit ihr fühlen und ihre Unsicherheiten sowie eigentümlichen Reaktionen nachvollziehen konnte. Die Autorin schildert eindringlich, was mediale Skandalisierung, die Macht der emotionalen Mehrheitsmeinung und Vorverurteilung anrichten können. Die Medien wie die sensationsgierige Meute wissen wenig, was sie jedoch nicht davon abhält, zu skandalisieren und ihre gehässigen Gedanken als Fakten darzustellen.
Dieser Mechanismus wird pointiert und authentisch dargestellt: Die undifferenziert denkende Masse hat die Deutungshoheit, obwohl der gesunde Menschenverstand eigentlich weiß, dass selbstgerechte Empörung sowie hasserfüllte Kommentare lediglich von schlichten Gemütern, Unmut über die eigenen Unzulänglichkeiten und/oder Wichtigtuerei zeugen.
Das Buch zeigt außerdem, dass sich hinter der netten Fassade einer zwischenmenschlichen Beziehung Abgründe verbergen können, die kaum zu erahnen sind. Dramatische Hintergründe und erschütternde Entwicklungen erklären DEN Vorfall.
Most Hated Girl erzählt ausdrucksstark und packend von Machtverhältnissen, die der Wahrheit im Weg stehen. Von der Auflösung fühlte ich mich allerdings ein bisschen veräppelt, weil die Prämisse nicht ganz so eindeutig ist, wie lange dargestellt. Zudem fand ich vieles am Ende konstruiert.