Mit ihrem bemerkenswerten Werk Wand an Wand wagt sich die renommierte Dramatikerin Maja Zade an ein faszinierendes literarisches Experiment, das die vermeintliche Anonymität eines Berliner Mietshauses im Prenzlauer Berg aufbricht und die verborgenen Schicksale hinter den verschlossenen Türen einer Hausgemeinschaft seziert. Es erweist sich von Beginn an als eine ausgesprochen gute Idee, in einzelnen Episoden das Leben von Menschen, die in dem gleichen Haus nebeneinander existieren, in einem einzelnen Roman anzureißen, da diese räumliche Klammer dem klassischen Gesellschaftsroman eine erfrischende Struktur verleiht, die das fragmentierte Lebensgefühl der modernen Großstadt perfekt widerspiegelt. Die Leben der Menschen, die Zade hier porträtiert, präsentieren sich dem Leser erfreulich abwechslungsreich, sodass man gleichermaßen Einblick in den Alltag einer antriebslosen Autorin erhält, die nach dem tragischen Krebstod ihrer besten Freundin plötzlich die Vormundschaft für deren kleine Tochter übernehmen muss, wie auch in das Dasein eines alternden Witwers auf neuen Wegen oder einer todkranken Kaufhausangestellten, die akribisch ihren eigenen Abschied plant.
Besonders hervorzuheben ist der bemerkenswerte Detailreichtum, mit dem Zade die Lebenswelten ihrer Figuren plastisch werden lässt. Die Autorin beweist ein feines Gespür für die kleinen, vermeintlich nebensächlichen Dinge des Alltags, die jedoch tief in die Psychologie der Charaktere blicken lassen. Unvergesslich prägnant schildert sie etwa das Teegeschirr des Witwers Jürgen, dessen von Hand aufgemalte Blumen erst sichtbar werden, wenn der Tee ausgetrunken ist. Mit ebensolcher Präzision fängt Zade die Tristesse und Akribie im Leben der krebskranken Rebecca Bernd ein: Ihre sensorische Wahrnehmung, wie der Hosenbund schmerzhaft auf ihrer Operationsnarbe drückt und die eigenen Knochen sich anfühlen, als ob sie müde das Fleisch von innen aufreiben, zeugt von einer tiefen, fast schmerzhaften Empathie. Selbst in den komischen oder absurden Momenten (wie dem extravaganten Magischen Märchenwald-Cocktail, den Maja und Tobias unter einer nebelgefüllten Glasglocke serviert bekommen) beweist Zade eine meisterhafte Beobachtungsgabe für die Milieus der Großstadt.
Gleichzeitig gelingt es dem Roman, eine beeindruckende Bandbreite an Facetten unserer Gegenwart abzubilden. Auf engstem Raum werden queere Lebensentwürfe, prekäre Arbeitsverhältnisse in der Dienstleistungsgesellschaft, digitale Entfremdung und die tiefe Spaltung bürgerlicher Familien durch politische Radikalisierung intensiv verhandelt. Es erscheint dabei vollkommen folgerichtig und logisch, dass fast alle wichtigen Diskurse der heutigen Zeit hin und wieder in einem solchen Wohnkomplex aufkommen. Schließlich fungiert ein urbanes Mietshaus im modernen Berlin unweigerlich als ein scharf gestelltes Brennglas der Gesellschaft. Wenn die verschiedenen Generationen und Lebensmodelle tagtäglich im Treppenhaus oder am Müllhäuschen aufeinandertreffen, ist es nur konsequent, dass sich die großen globalen und gesellschaftlichen Krisen im Privaten widerspiegeln und an den Wohnungstüren rütteln.
Dennoch werden diese komplexen Diskurse meistens eben doch nur flüchtig angerissen, anstatt erzählerisch vertieft zu werden. Durch diesen schnellen Wechsel der Perspektiven bleibt mancher Konflikt an der Oberfläche, da die Autorin den einzelnen Schicksalen kaum den notwendigen Raum zur Entfaltung gewährt, bevor sie das Augenmerk bereits auf die nächste Wohnung lenkt. Während zeitgleich ein weiteres Problem sichtbar wird, denn hin und wieder sind die Leben der Menschen dann doch zu ungewöhnlich, als dass sie wirklich plausibel alle in demselben Haus wohnen könnten, gerät die Glaubwürdigkeit dieses urbanen Mikrokosmos doch arg ins Wanken. Wenn ein Hausbewohner plötzlich als internationales Double eines Hollywoodstars agiert, eine Nachbarin im Geheimen ein verschwörungsideologisches Netzwerk aus Impfgegnern spinnt und im Erdgeschoss existenzielle Psychosen und Eifersuchtsdramen toben, die eher an ein konstruiertes TV-Drama als an ein reales Mietshaus erinnern, wird die Grenze der erzählerischen Plausibilität merklich strapaziert. Es entsteht der Eindruck, als habe Zade versucht, jede nur erdenkliche gesellschaftliche Besonderheit und jede psychologische Extremsituation in ein einziges Treppenhaus zu pressen, was der ansonsten so feinen Alltagsbeobachtung einiges an ihrer eigentlichen Kraft nimmt.
Die Verbindung zwischen den Kapiteln lebt zwar von den flüchtigen Begegnungen im Innenhof oder dem Treppenhaus, doch diese Berührungspunkte bleiben oft rein oberflächlicher Natur und dienen eher als künstliche Übergänge denn als echte, tiefere Verknüpfungen der Handlungsstränge. Jede Figur verbleibt in ihrer eigenen, sorgsam abgegrenzten emotionalen Bienenwabe, und während der Leser durch die Wände blickt, bleibt den Charakteren selbst diese tiefere Erkenntnis über ihre Nachbarn verwehrt. So schmerzhaft real manche Szenen auch gezeichnet sind, wie etwa das berührende Gespräch über den Verlust von Identität im Angesicht einer Krebserkrankung, so schnell verfliegt diese Wirkung wieder, weil der Roman den Atem vermissen lässt, diese Bohrungen bis zum bitteren Ende voranzutreiben.
Insgesamt hat die Autorin diese ungewöhnliche, dennoch spannende Grundidee durchaus ordentlich umgesetzt, wenngleich der Roman trotz seiner sprachlichen Eigensinnigkeit, seiner prägnanten Dialoge und seiner treffsicheren Milieustudie letztlich keinen bleibenden Eindruck hinterlässt und nach dem Umblättern der letzten Seite im Grunde schnell vergessen ist. Was als großes Panorama des modernen Berliner Lebens beginnt, verflacht zu einer Aneinanderreihung von Vignetten, die zwar handwerklich sauber gearbeitet sind, aber im Meer der zeitgenössischen Großstadtliteratur aufgrund ihrer mangelnden erzählerischen Tiefe rasch untergehen.