Ich hatte große Lust auf das Thema und das Cover hat mich sehr angesprochen (auch wenn ich im Buch gesehen habe dass es vermutlich KI generiert ist, was ich sehr schade finde). Dennoch habe ich das Buch mit einer gehörigen Portion Vorurteilen in die Hand genommen. Wieder ein Roman über die Frau hinter dem großen Mann, davon hab ich in den letzten Jahren wirklich genug gelesen, und meistens bleibt am Ende doch der Künstler die eigentliche Hauptfigur, während die Frauen nur schmückendes Beiwerk sind. Bei Sophie Haydock ist das anders. Henri Matisse taucht zwar in fast jedem Kapitel auf, aber im Grunde ist er kaum mehr als ein Fixstern, um den drei Frauen kreisen, jede auf ihrer eigenen Bahn. Amélie, seine Frau, die fast vierzig Jahre lang für seine Kunst gerade gestanden hat, mit Geld, Nerven, eigenen Träumen, die einfach hintenangestellt wurden. Lydia, eine junge Russin, die vor der Revolution flieht und irgendwann als Assistentin, Modell und heimliche Stütze des ganzen Haushalts endet. Und Marguerite, die Tochter, die mittendrin steht und irgendwann selbst wählen muss, auf wessen Seite sie eigentlich steht. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ich sofort Partei für Amélie, die betrogene Ehefrau, ergreife, aber Haydock lässt das gar nicht so einfach zu. Man versteht auch Lydias Ehrgeiz, ihre Verzweiflung, ihren Willen, sich aus dem Nichts ein Leben aufzubauen. Genau das hat mich am meisten überrascht: Keine der drei wird zur Schablone, obwohl sich das bei diesem Setup förmlich anbieten würde. Sprachlich ist das schon sehr sinnlich geraten, fast ein bisschen zu sehr manchmal. Man merkt an jeder Ecke, dass die Autorin sich in dieser Kunstwelt der 1930er wirklich auskennt, die Riviera, die Ateliers, das berühmte Matisse-Licht. Trotzdem, im Mittelteil hab ich das Buch zwischendurch mal zur Seite gelegt, weil es sich einfach etwas zog. Da hätte ruhig gestrafft werden können. Am Ende hats mich trotzdem gepackt, weil es genau die Geschichten erzählt, die in Museumskatalogen nie stehen: was die Menschen um ein Genie herum eigentlich für einen Preis bezahlt haben, damit dieses Genie überhaupt so glänzen konnte. Auch ohne Matisse-Vorwissen funktioniert das Buch bestens und ist eine klare Empfehlung!