Am Anfang hatte ich noch gedacht, dass es vor allem um das Wiedersehen der drei Schwestern geht. Doch schon nach den ersten Kapiteln wurde klar, dass viel mehr dahintersteckt. Mit dem Besuch im alten Seehaus am Wolfgangsee kommen immer mehr Fragen auf. Gerade weil Katharina durch ihre Demenz Dinge ausspricht, über die sie früher geschwiegen hat, verändert sich mit der Zeit der Blick auf die ganze Familie.
Besonders gefallen hat mir, wie ruhig sich alles entwickelt. Es passiert nicht ständig etwas Aufregendes und trotzdem wollte ich immer weiterlesen. Alte Verletzungen, Missverständnisse und unausgesprochene Gefühle bekommen ihren Platz, ohne dass etwas übertrieben wirkt. So wird nach und nach verständlich, warum sich die Schwestern über viele Jahre voneinander entfernt haben.
Durch die wechselnden Erzählperspektiven hatte ich nie das Gefühl, nur eine Seite zu kennen. Jede Schwester erlebt vieles auf ihre eigene Weise und genau das macht den Roman so lebendig. Auch Katharina hat mich oft beschäftigt. Zwischen ihren Erinnerungen und den Momenten, in denen sie den Faden verliert, kommen Wahrheiten ans Licht, mit denen niemand mehr gerechnet hat.
Besonders gern habe ich die Kapitel mit Manuel gelesen. Obwohl er erst siebzehn Jahre alt ist, bringt er viel Ruhe in die Familie. Mit seiner fürsorglichen Art unterstützt er Eva bei der Suche nach Antworten und gibt nicht auf, wenn andere schon längst aufgegeben hätten. Ohne ihn wären einige wichtige Begegnungen und Gespräche gar nicht zustande gekommen. Für mich war er eine der Figuren, die den Roman besonders bereichert haben.
Auch die Verbindung zur Vergangenheit hat mich sehr interessiert. Nach und nach wird deutlich, wie eng das Leben der Familie mit den Ereignissen in der DDR verbunden ist. Dabei hatte ich nie das Gefühl, dass die Geschichte belehren möchte. Alles fügt sich ganz selbstverständlich zusammen. Man merkt, wie sorgfältig die historischen Hintergründe recherchiert wurden.
Immer wieder gab es Stellen, an denen ich noch ein Kapitel weiterlesen wollte. Aus einer kurzen Lesepause wurde oft mehr, weil ich unbedingt wissen wollte, welches Geheimnis als Nächstes ans Licht kommt. Das Buch hat mich an vielen Stellen berührt, ohne die Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Gerade diese ruhige Art hat mir besonders gut gefallen.
Für mich ist dieser erste Band ein gelungener Auftakt der Reihe. Familiengeschichte, Zeitgeschichte und persönliche Schicksale greifen schön ineinander. Am Ende bleiben noch einige Fragen offen. Das passt für mich gut, denn jetzt bin ich erst recht gespannt, wie es mit den drei Schwestern und ihrer Mutter wohl weitergehen wird. Auf den zweiten Band freue ich mich schon sehr.
5 Sterne.