Auch wenn ich es ein wenig im Gespür hatte, dass Victoria Wilder mit Bourbon & Lies in Richtung Elsie Silver nur mit mehr Suspense gehen würde, wollte ich dem Buch gerne eine Chance geben. Hat es sich letztlich gelohnt?
Ich war angesichts der langen Liste an Trigger Warnings doch etwas überrascht und habe mich gefragt, was ich wohl zu erwarten habe. Das kann ich schon vorweg sagen, das meiste davon ist mit einem großen Augenzwinkern zu sehen. Bourbon & Lies ist eindeutig mehr Liebesroman als alles andere, dementsprechend finde ich die Warnungen, die auf nahezu jeden Thriller zutreffen würde, zwar inhaltlich richtig, aber es nimmt dann doch so wenig Raum ein, dass ich es auch nicht zu hoch hängen würde. Man liest es vielleicht schon raus: Für jemanden, der viel Thriller liest, war mir dieser Suspense-Anteil deutlich zu wenig. Vieles erleben wir eigentlich nur durch Spekulationen und durch Beschreibungen über Dritte. Erst am Ende sind wir dann live so richtig dabei, aber da war dann auch verhältnismäßig schnell alles ausgemacht. In einem Thriller hätte das statt 20 Seiten 50 eingenommen. Bourbon & Lies setzt auch nur bedingt darauf, dass man viel mitzurätseln hat. Es ist eigentlich offensichtlich, welche Gefahr im Raum schwebt. Also ist nur offen, wann sie eintritt und wie es aufgelöst wird. Angesichts des Covers und der Stimmung hätte ich mir da doch mehr gewünscht, gerade auch um einen anderen Aspekt auszugleichen.
Ich mochte Kentucky mit dem Bourbon-Unternehmen als Setting durchaus gerne. Cowboys haben wir ständig, Winzer tauchen auch öfters schonmal auf, aber so einen Kontext habe ich noch nicht gelesen. Ich fand auch, dass es nicht nur wie eine fixe Idee wirkte. Stattdessen war deutlich zu merken, dass die Autorin entweder persönliche Erfahrungen hat oder sich gut ins Thema eingelesen hat, denn es war viel über Bourbon zu lernen. Auch über die Stadt Fiasco kam gut etwas rüber. Es ist alles was rau und es hat dieses kleinstadt-typische, dass alle zusammenhalten, aber dass auch viel getratscht wird. Das hat für mich gepasst, weil es so für Neuling Laney doch sehr unterschiedlich war, weil sie in der Stadt erstmal mit Skepsis empfangen wird, von den Foxx-Familie aber mit viel Offenheit und Wärme. Bei der Foxx-Familie kam auch schon sehr viel Gutes rüber. Die Familiendynamik ist natürlich von viel Tragik geprägt, aber gleichzeitig ist da ein Zusammenhalt, bei dem nicht viele Fragen gestellt werden. In Grants Generation ist die Familie auch sehr männlich, weswegen die nächste Generation mit Lincolns Töchtern das alles schön aufbricht.
Kommen wir dann jetzt noch zum zentralen Paar. Ich mochte Laney und Grant gerne. Gerade angesichts dieser doch sehr testosteron-geprägten Atmosphäre fand ich es wichtig, dass sie und auch Hadley sehr starke, selbstbewusste Frauen sind, die auch darin respektiert werden. Das hat mir wirklich gut gefallen. Mir hat auch die Chemie der beiden gefallen. Sie hatten viele sehr lustige, aber auch ernste Szenen zusammen. Aber sobald es dann ans Intime ging, habe ich deutlich gemerkt, das ist nicht meins. Es war noch heftiger als bei Elsie Silver. Da passt die Trigger Warnung beispielsweise sehr gut, denn die gewählte Sprache ist hier sehr explizit. Ich habe dann einfach ein paar Szenen mehr überschlagen. Gleichzeitig komme ich aber wie bei Silver auch zum Ergebnis, da ist viel mehr in den Geschichten drin, das kann ich spüren. Deswegen will ich nach Band 1 keineswegs entscheiden, dass ich hier schon aufhöre. Ich brauche dann aber eine Reihe, wo das für mich eher unangenehme mit viel ausgeglichen wird und da bin ich gespannt drauf.
Fazit: Bourbon & Lies von Victoria Wilder hat für mich sehr viele Seiten parat gehabt und nicht alle haben mir gleich gut gefallen. Für mich passte das Setting, für mich passte die Darstellung von Familie Foxx und alle Geschichten unmittelbar um sie herum. Ich mochte auch im Grundsatz das zentrale Paar sehr. Aber Wilder hat eine sehr explizite Sprache, mit der ich mich schwer tue. Zudem war der Suspense-Anteil (oder Thrill-Anteil) etwas zu wenig. Aber ich bin trotzdem am Haken. Nach Band 2 wird sich bei mir sicherlich deutlicher eine Tendenz ablesen lassen.